Putin – der Ungeliebte

Putin – der Ungeliebte

Russland hat sich verändert, sein neuer Präsident ist der Alte geblieben. Die Methoden des ehemaligen KGB-Agenten, sein Macho-Gehabe und rüder Humor, stoßen immer mehr Russen ab. Putin polarisiert.

Moskau Eben noch hat Wladimir Putin geweint. Vor Rührung über den Sieg und über den eigenen Glanz. Doch zu viel Emotionalität darf nicht sein. Und so schaltet Russlands einstiger und künftiger Präsident schnell um und attackiert seine Gegner. Putin erklärt die Wahl zum Test für die Unabhängigkeit des russischen Volkes. "Wir haben gezeigt, dass uns niemand etwas aufdrängen kann", sagt er am Wahlabend auf dem Manegenplatz. Die Russen könnten den Wunsch nach Erneuerung unterscheiden "von politischer Provokation, die nur die russische Staatlichkeit untergraben und die Macht usurpieren will". Da ist es wieder, das Feindbild. Schon vor drei Monaten, als immer mehr Menschen nach der Duma-Wahl gegen Fälschungen auf die Straße gingen, hatte Putin nur eine Erklärung: US-Außenministerin Hillary Clinton habe die Proteste initiiert, Demonstranten würden vom Ausland bezahlt.

Putin sieht überall Feinde. Und er ist gut darin, die Ängste seiner Landsleute für sich einzusetzen. Jüngstes Beispiel: die wenige Tage vor der Präsidentenwahl verbreitete Story, tschetschenische Terroristen hätten ein Attentat auf Putin geplant. Sie dürfte ihm ein paar zusätzliche Prozentpunkte bei der Wahl gebracht haben.

Putin stammt aus ärmlichen Verhältnissen. Der schmale Junge lernt Judo, später ist er Geheimdienstagent in Dresden. Bis heute hat er viele Schlüsselposten der Macht mit einstigen KGBlern besetzt. Angstmenschen, genau wie er.

Mit 48 Jahren wird Putin im Jahr 2000 Nachfolger des tatterigen Alkoholikers Boris Jelzin. Die Russen sind begeistert von ihrem jungen, energischen, disziplinierten Präsidenten. Sie mögen es, dass Putin den USA ein "Wir sind wieder wer" entgegenbellt und derbe Sprüche von sich gibt: Tschetschenische Terroristen will er "auf der Latrine plattmachen", Demonstranten kriegen "einen Knüppel auf die Rübe".

Doch nach zwölf Jahren Putin an der Macht hat sich der Effekt abgenutzt. Russland hat sich verändert, aber Putin ist noch der Gleiche. Plötzlich polarisiert seine Person die Russen, vereint sie nicht mehr. Die Macho-Posen des 59-Jährigen wirken nicht mehr vital, sondern zunehmend bizarr. Und die Internetgemeinde entlarvt genüsslich, dass die Bilder gestellt sind. Auch Putins "Feldwebelhumor" kommt nicht mehr gut an. Die Stimmung ist umgeschlagen. Russische Studenten und Nachwuchswissenschaftler fragen sich kopfschüttelnd, in welcher Welt sie leben, wenn sie nach einem Studienaufenthalt im Ausland vom Geheimdienst FSB verhört werden. Und selbst eine Band ehemaliger Fallschirmspringer singt nun ein Anti-Putin-Lied: "Du bist auch nur ein Mensch und nicht Zar und nicht Gott."

Putin wirkt ratlos in dieser Situation. Er hat das ganze System auf sich ausgerichtet und nie damit gerechnet, dass seine Popularität schwinden könnte. Und es kratzt an der Legitimität seiner dritten Präsidentschaft, dass der Wahlsieg durch Manipulationen geschönt ist. Putin lässt sich nach der Wahl feiern, von einer aus der Provinz herbeigekarrten kremltreuen Jugend. Doch bei allen Tränen der Rührung bleibt eine unbequeme Wahrheit: Knapp die Hälfte der Russen will ihn nicht mehr als Präsidenten.

(RP)
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