Breslau: Protestanten in Polen - es gibt sie doch

Breslau: Protestanten in Polen - es gibt sie doch

Sie waren vor dem Krieg fast eine halbe Million, heute stellen evangelische Christen nur noch eine kleine Gruppe. Aber eine sichtbare.

Polen gilt als das katholischste Land Europas. Dass es hier auch evangelische Christen geben könnte, liegt nicht gerade auf der Hand. Doch es gibt sie, wenn auch in einer kleinen Minderheit, aber durchaus wahrnehmbar zwischen Weichsel und der Oder und westlichen Neiße. Und das 70 Jahre nach der Flucht und Vertreibung der Deutschen aus den ehemaligen Reichsprovinzen Schlesien, Ost-Brandenburg, Pommern sowie Ost- und Westpreußen. Aber die heute in Polen lebenden Protestanten haben nur zu einem Teil etwas mit dem preußisch-deutschen Erbe zu tun.

Es gibt schon seit der Reformation innerhalb des heutigen polnischen Staatsterritoriums evangelische Gemeinden, etwa im Teschener Land im Südosten Oberschlesiens, im Grenzraum mit Tschechien. Einer der "Bestseller-Autoren" des 19. Jahrhunderts, Gustav Freytag ("Soll und Haben", "Die Ahnen"), war im oberschlesischen Kreis Kreuzburg (heute Kluczbork) geboren, dessen Bevölkerung überwiegend evangelisch war und zum Teil heute noch ist, weil die dort ansässige Bevölkerung nach 1945 als sogenannte Autochthone (Eingeborene) dem Schicksal der Vertreibung weitgehend entging.

Von den 38,5 Millionen Polen bekennen sich nur rund 85 000 zum Protestantismus. Eine wahre Diaspora im sonst bis heute sehr katholisch geprägten Polen. Obwohl sich auch hier seit der politischen Wende von 1989/90 und dem Beitritt Polens zur Europäischen Union 2004 viel geändert hat. Vor allem die Zahl der Glaubenslosen wächst.

Die polnischen Protestanten gehören der Evangelisch-lutherischen Kirche Augsburger Konfession an (Kosciol Ewangelicko-Augsburski w Polsce). Das Augsburger Bekenntnis gilt als die verbindliche Schrift des lutherischen Glaubens und war die Grundlage für den Augsburger Religionsfrieden von 1555, der einst den Christen unterschiedlicher Konfessionen den jeweiligen Besitzstand zusicherte. Die Könige, Fürsten und sonstigen souveränen Stände erhielten das Recht, die Religion ihrer Untertanen zu bestimmen (Cuius regio, eius religio: "Wes' Brot ich ess, des Lied ich sing'").

Dass die polnischen Lutheraner unter einer deutschen Stadt, nämlich dem bayerischen Augsburg, firmieren, empfinden polnische Katholiken, also die große Mehrheit des Volkes, als einen Hinweis darauf, dass ihre Landsleute mit dem besonderen Bekenntnis eher ein Anhängsel der Reformation im großen Nachbarland Deutschland seien. Das erinnert an einen welthistorischen Vorgang, nämlich die Flucht und später die Vertreibung von mehr als zehn Millionen Deutschen aus den ehemals deutschen Reichsprovinzen. Die Mehrheit dieser Menschen war protestantisch, ausgenommen vor allem die Oberschlesier und Ermländer.

Nachdem die siegreichen Alliierten 1945 in Jalta und Potsdam mit Federstrichen auf der Landkarte Mitteleuropas Polen nach Westen verschoben hatten, nahm der katholische Primas Erzbischof August Hlond eigenmächtig alle christlichen Kirchen in Beschlag und meldete stolz dem Vatikan: "Der Spuk des Luthertums östlich von Oder und Neiße ist beendet." Die polnische Kirche wollte ihn unter Papst Johannes Paul II. seligsprechen lassen, aber die deutschen Bischofsbrüder meldeten wegen der Rigorosität Hlonds bei der Verschiebung der Bistumsgrenzen ohne römische Mitwirkung Bedenken an.

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Der Protestantismus im Nachkriegspolen schien also 1945 tot, unabhängig von der Staatsangehörigkeit der konfessionellen Minderheit. Verständlicherweise wurden ungezählte evangelische Kirchen aus jahrhundertelanger deutscher Zeit polnische katholische Gotteshäuser. Riesige Marienbilder unterschiedlicher Art am Altar und weiß-rote Fahnen im Chor markierten den Wandel. Eine der bedeutendsten protestantischen Kirchen in den Oder-Neiße-Gebieten, die Breslauer St.-Elisabeth-Kirche, seit 1525 reformiert, mutierte zur katholischen Garnisonkirche in Breslau. Etwas verstört betrachtete der Autor dieses Berichtes, dessen Vater hier im Jahr 1911 konfirmiert worden ist, wie eine kleine polnische Militäreinheit im Gleichschritt und mit umgehängten Maschinenpistolen in St. Elisabeth einmarschierte. Vor der mächtigen Backsteinkirche von 1362, die nach dem Zweiten Weltkrieg perfekt restauriert wurde, erinnert eine sehr eindrucksvolle Statue an den 1906 im deutschen Breslau geborenen evangelischen Märtyrer Dietrich Bonhoeffer. In polnischer wie in deutscher Sprache wird sein Lebensweg von Breslau bis an den Galgen im Hitler'schen KZ Flossenbürg im April 1945, wenige Wochen vor Kriegsende, dargestellt. Viele Touristen, Polen oder Deutsche, bleiben stehen.

Sosehr in den ersten Jahrzehnten nach dem Krieg das Luthertum in Polen als ein vermeintlich nur preußisches und damit deutsches Element aus dem öffentlichen Bewusstsein verdrängt worden ist, gemeinsam durch katholische Kirche und kommunistischen Staat, so kann man heute im EU-Land Polen, wo man hinsieht, Evangelisches entdecken. Klein, aber fein, sowohl was die Kirchengebäude als auch die Gemeinden betrifft. Einen Steinwurf vom Zentrum der schlesischen Metropole Breslau, heute Wroclaw, entfernt, steht die kleine evangelische Christophori-Kirche im Schatten eines riesigen neuen Parkhauses. In diesem Gotteshaus findet an jedem Sonntagvormittag ein protestantischer Gottesdienst in deutscher Sprache statt.

Erkundigt man sich als Ausländer, aus welcher Gesellschaftsschicht polnische Protestanten denn kommen und welche Berufe sie ausüben, so wird meist das Wort "Mittel- und Oberschicht" gebraucht. Viele Akademiker, Angehörige freier Berufe wie Rechtsanwälte, Ärzte, aber auch Politiker. Als Protagonist wird hier Jerzy Buzek genannt, der erste evangelische Ministerpräsident Polens (1997-2002) und spätere Präsident des Europäischen Parlaments in Brüssel und Straßburg. Auch soziologisch stimmt wohl die Beobachtung: Evangelisch in Polen ist klein, aber fein.

In den ehemals deutschen Reichsgebieten, die heute das westliche Polen bilden, gibt es, wenn man evangelischem Leben nachspürt, auch außerhalb der Großstädte wie Breslau, auf dem buchstäblich platten Lande, Erstaunliches zu entdecken. Da liegt die Kleinstadt Groß-Wartenberg (heute Syców) nordöstlich von Breslau an der gut ausgebauten Straße nach Lodz und Warschau, hart an der deutsch-polnischen Vorkriegsgrenze. Hier spielte einmal der deutsch-baltische Hochadel in Gestalt der Prinzen Biron von Kurland als Großgrundbesitzer, aber auch als Stifter und Arbeitgeber in der Landwirtschaft eine große Rolle.

Am Rande eines wunderbar gepflegten Landschaftsparks (mit EU-Geldern gefördert) fällt eine vorklassizistische Kirche auf. Das Gotteshaus wurde von 1785 bis 1789 nach einem Entwurf des berühmten Carl Gotthard Langhans gebaut, dem Schöpfer des Brandenburger Tores in Berlin. Heute dient diese nach Johannes und Petrus benannte Kirche der winzigen evangelischen Landgemeinde. Das Schloss, zu dem die gut restaurierte Kirche einst gehörte, ist nach dem Kriege von den sowjetischen Siegern niedergebrannt worden, das Gotteshaus blieb.

Ein anderes frappierendes Beispiel protestantischen Lebens ist in Oberschlesien im ehemals deutschen Carlsruhe, heute Pokój, zu besichtigen. Ja, einst Karlsruhe, aber mit "C"! Hier ließ Herzog Carl Christian Erdmann von Württemberg in seinem riesigen Jagdgebiet nach dem Siebenjährigen Krieg (1756-1763) zwischen 1765 und 1775 Schloss nebst Kirche erbauen.

(RP)
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