Porträt von Generalsekretär Martin Selmayr: Der Maschinist Europas

Porträt des Generalsekretärs der EU-Kommission : Martin Selmayr - der Maschinist Europas

Martin Selmayr ist der einflussreichste Beamte Europas. Und der umstrittenste. Der Generalsekretär der EU-Kommission ist Stratege und Ausputzer für Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker. Diesen Posten würde er gern nach der Europawahl behalten. Wenn man ihn lässt.

Wenn einem deutschen Mallorca-Urlauber die Briten in die Quere kommen, muss es nicht um Handtücher auf Sonnenliegen gehen. Bei Martin Selmayr war es der Brexit. Der Generalsekretär der Europäischen Kommission musste vergangene Woche seinen Kurzurlaub in der Sonne abbrechen und nach Brüssel zurückreisen, um den Sondergipfel zum bevorstehenden Ausstieg Großbritanniens aus der EU vorzubereiten. Es war der 13. Brexit-Gipfel der Staatschefs.

Selmayr macht als rechte Hand des Kommissionspräsidenten Jean-Claude Juncker den Einfluss der „Regierung Europas“ geltend, der Kommission, die sich endlich anderen Themen zuwenden will als dem britischen Ausstiegsbeschluss. Den Beziehungen zu China und den USA zum Beispiel, oder der gemeinsamen Außen- und Sicherheitspolitik. Der Brexit sei ja nur ein Thema, sagt Selmayr bei einem Frühstück auf der Lounge-Ebene im 13. Stock der Kommission. „Ob und wann der Brexit kommt, ist ja noch nicht gesichert“, sagt Selmayr. Der Blick geht weit über die Skyline Brüssels. Am Nachmittag werden die 28 Staats- und Regierungschefs erwartet, die Verhandlungen werden wieder einmal bis tief in die Nacht gehen.

Für Selmayr kein Problem, er ist 15-Stunden-Tage gewohnt. Europa ist Alltag für den Spitzenbeamten. Und es ist das große Lebensthema des 49-jährigen, gebürtigen Bonners. Im März 2018 beförderte Jean-Claude Juncker seinen bisherigen Kabinettschef in einer Hauruck-Aktion zum Generalsekretär der Kommission. Damit hatte niemand gerechnet, von Mauschelei war die Rede. Selmayr betont im Gespräch, dass das Verfahren „rechtlich einwandfrei“ abgelaufen und in den vergangenen 50 Jahren immer so gehandhabt worden sei. Dass bei seinen Kritikern auch Neid im Spiel gewesen sein könnte, will er so natürlich nicht sagen. Jedenfalls ist Selmayr seitdem der Chef von 35.000 Mitarbeitern, darunter Zehntausende Beamte. Eine Art Kanzleramtschef der Europäischen Union. Im Hintergrund werkelnd, aber dort umso wichtiger. Der Maschinist Europas. Junckers wichtigster Zuarbeiter.

Nach Aussagen von politischen Beobachtern in Brüssel und Berlin ist Selmayr der einflussreichste Deutsche in Europa, manche nennen den blitzgescheiten Beamten gar den „heimlichen Kommissionschef“. Beliebt ist Selmayr indes nicht. Als „Fürst der Finsternis“ wird er von EU-Abgeordneten am Vorabend in einem Restaurant im Europaviertel nur halb im Scherz bezeichnet. Dass er von seiner Meinung in der Regel auch überzeugt ist, lässt sich Selmayr in Konferenzen und Meetings anmerken, die er straff führt. „Er hasst sinnloses Gequatsche“, sagt einer, der oft dabei ist. Für manchen wirkt das dann überheblich. Ein deutscher Sozialdemokrat, der viel mit dem Generalsekretär zu tun hatte, gibt ihm das Etikett „Bonaparte aus Brüssel“. Der „Spiegel“ betitelte den CDU-nahen, aber parteilosen Spitzenbeamten in einem wenig schmeichelhaften Portrait als „Junckers Monster“.

Also, Herr Selmayr: Warum sind sie eigentlich so unbeliebt? Selmayr zieht die Augenbrauen hoch. „Wenn ich beliebt sein wollte, dürfte ich diesen Job nicht machen. Wir müssen täglich Entscheidungen treffen, die nicht jedem gefallen. Aber wir müssen sie treffen, sonst passiert nichts.“ Der Einser-Jurist hat in Genf, Passau und München studiert und schließlich über die „Vergemeinschaftung der Währung“ promoviert. Sein Förderer und Entdecker ist allerdings ein gewisser Elmar Brok, seit fast 40 Jahren Abgeordneter des Europäischen Parlaments aus Westfalen. Er schwärmt von seinem einstigen Praktikanten: „Hart, präzise und ein unglaubliches Wissen.“ Der öffentliche Sektor wurde Selmayr in die Wiege gelegt, in der Familie ist der Staatsdienst vorherrschendes Berufsmodell. Auch als der Staat eine mörderische Diktatur war, waren die Selmayrs beteiligt. Der Großvater, Josef Selmayr, ein ehemaliger Wehrmachtsoffizier, der in Kriegsgefangenschaft geriet, wurde 1948 von einem Militärgericht wegen Kriegsverbrechen zu 15 Jahren Haft verurteilt, aber nach zwei Jahren entlassen. 1955 war er erster Chef des Militärischen Abschirmdienstes. Selmayrs Vater Gerhard war Gründungskanzler der Universität der Bundeswehr. Auch der Opa mütterlicherseits, Heinz Gaedecke, ist einer der Gründungsväter der Bundeswehr.

Für Selmayr sind die Lehren aus seiner Familie vor allem, dass Europa für immer ein Ort des Friedens und der Freiheit sein muss. Als 15-jährigem hatten die Großeltern dem Heranwachsenden bei einem Frankreich-Urlaub die Kriegsgräber von Verdun gezeigt. Ein Erlebnis, das er bis heute nicht vergessen hat.

In den ersten Semestern seines Jura-Studium quälte sich Martin Selmayr durch die Paragrafen. Erst am renommierten King’s College in London entdeckte er die Leidenschaft für das Recht, speziell das europäische. In den Hörsälen mussten die Studenten debattieren. Bis heute misst sich Selmayr gerne rhetorisch mit anderen. In seinem Lebenslauf steht die Honorarprofessor für europäisches Wirtschaftsrecht an der Universität im Saarland, die Lehrtätigkeit an der Donau-Universität Krems und seine Arbeit als ehrenamtlicher Leiter des Instituts für Europarecht in Passau.

Das Besondere an Selmayr ist, dass er seine Jobbeschreibung eines „politischen Beamten“ nie nur auf das Beamtendasein reduzieren wollte. Zu viel dienen, zu wenig gestalten. Er werkelte an dem milliardenschweren Investitionsprogramm der EU, erfand die Abschaffung der Roaming-Gebühren für das Handy und arbeitete wesentlich am EU-Türkei-Deal zur Grenzsicherung mit. Und er genießt die Ausflüge in die operative Politik.

Als Wahlkampfchef Jean-Claude Junckers ließ sich Selmayr 2014 von seiner damaligen Chefin, EU-Kommissarin für Justiz Viviane Reding, beurlauben und organisierte aus dem Stand heraus eine Kampagne. Für die Rundreise durch die Mitgliedsstaaten kaufte er einen abgewrackten Bus und ließ das Gefährt zum blau glänzenden Wahlkampfbus umbauen. In Guerilla-Aktionen mit befreundeten Junge-Union-Verbänden ließ Selmayr ohne Genehmigung Juncker-Plakate in Deutschland aufstellen. Beim CDU-Bundesparteitag 2014 boxte er einen fünfminütigen Redebeitrag seines Kandidaten durch und organisierte gegen den Willen der Parteiführung eine separate Pressekonferenz für Juncker. „Ein harter Hund“, erinnert sich ein Wahlkampfmanager der SPD. „Aber er blieb stets fair.“

Selmayr knüpft hinter den Kulissen seine eigenen Netzwerke, auch über den Zugang zu Präsident Juncker, wie ein Beamter der Kommission aus eigener leidvoller Erfahrung berichtet. 2017 soll Selmayr Details eines Abendessens zwischen der britischen Premierministerin Theresa May und Juncker an einen deutschen Journalisten berichtet haben, der prompt Mays ausschweifende Forderungen öffentlich machte. In Brüssel dachten viele: Das kann nur Selmayr gewesen sein, er hatte an dem Treffen teilgenommen. Die britischen Boulevardmedien sprachen vom „Brüsseler Krieg“ gegen ihr Land. Selmayr dementierte. Aber alleine, dass es ihm so viele zutrauen, sagt viel aus. Das Geschäft mit Eitelkeiten und Interessen, das auf dem Brüsseler Basar Hochkonjunktur hat, beherrscht er jedenfalls.

So könnte es sein, dass Selmayr auch nach der Europawahl am 26. Mai im Amt bleibt, obwohl sein Chef Juncker seines aufgibt. Den Wechsel an der Spitze der Kommission haben auch Selmayrs Vorgänger überlebt. „Ich arbeite täglich gerne für ein besseres Miteinander in Europa. Mal sehen, ob das auch in der nächsten Kommission gefragt ist“, sagt er. Ganz bescheiden. Das Wissen, das der Jurist mit dem jungenhaften Gesichtsausdruck, über die Jahre angehäuft hat, könnte auch einem neuen Präsidenten von Nutzen sein.

Manfred Weber, der aussichtsreiche Kandidat der europäischen Konservativen für den Chefsessel, ist quasi ein Landsmann Selmayrs. Die zweitgrößte Stadt im CSU-Bezirk Niederbayern, den Weber führt, ist Passau, Selmayrs Wahlheimat. Weber habe „ein ordentliches Verhältnis“ zu Selmayr, heißt es im Umfeld des Spitzenkandidaten. Bei der Popularität Selmayrs ist das fast eine Liebeserklärung.

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