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Brandt, Kohl und Adenauer: Politischer Mut zahlt sich aus

Brandt, Kohl und Adenauer : Politischer Mut zahlt sich aus

Auch Deutschland hat Staatsmänner hervorgebracht, die gegen härteste Widerstände ihren Überzeugungen treu blieben und sich ums Vaterland verdient machten. Konrad Adenauer zum Beispiel, Willy Brandt und Helmut Kohl.

Die Erkenntnis des griechischen Denkers Demokrit vor zweieinhalbtausend Jahren: Am Anfang des Handelns steht der Mut, am Ende das Glück. Heißt das für politisch Verantwortliche, dass diejenigen, die mutig sind, am Ende auch glücklich sind? Das wäre eine individualistische Sicht auf die Tugend des Mutes, der ja dann etwas Selbsttherapeutisches zukäme: Sei mutig, dann geht's dir gut. Klingt dürftig, nach "Frisch gewagt ist halb gewonnen".

Wir wollen fragen, wann und wo politischer Mut Einzelner zum Glück der Vielen geführt hat, wo man einem Staatsmenschen attestieren kann, er habe sich durch eine mutige Entscheidung um das Vaterland verdient gemacht. Wer denkt dabei nicht an zwei besonders mutige Briten, die größten Premierminister ihrer Nation im vergangenen Jahrhundert: Winston Churchill und Margaret Thatcher?

Der eine, ein Titan des Widerstandes gegen Adolf Hitler, zwang seine britischen Landsleute 1940/41 zum kollektiven "We will not surrender" ("Wir werden nicht kapitulieren"), koste es, was es wolle, unter "Blut, Schweiß und Tränen" dem schrecklichen Eroberer die Stirn zu bieten. Margaret Thatcher verordnete ab 1979 ihrer erschlafften Insel eine ökonomische Rosskur: Erst erzeugte die "Eiserne Lady" böses Blut, später prosperierte das sanierte Land, das die Mutige zu seinem Glück gezwungen hatte.

Es gäbe noch ein paar mutige ausländische Politiker des 20. Jahrhunderts zu nennen: den sowjetischen Reformer Michail Gorbatschow in Moskau oder den amerikanischen Präsidenten Ronald Reagan in Washington, der die Sowjetunion rüstungspolitisch und ökonomisch, vor allem aber friedlich, in die Knie zwang.

Mut in der Politik ist ein weites Feld

Mut in der Politik ist ein weites Feld. Deshalb konzentrieren wir uns auf die deutschen Verhältnisse: Zuletzt wurde dem siebten Bundeskanzler Gerhard Schröder bescheinigt, mit zwei Amtsentscheidungen - dem Nein zur Beteiligung der Bundeswehr am Angriffskrieg gegen den Irak sowie den tiefschneidenden Sozialreformen der Agenda 2010 - gezeigt zu haben, dass es sich politisch auszahlt, gegen härteste Widerstände mutig an dem festzuhalten, was man politisch für richtig erkannt hat; und so zu belegen, dass es für das Land genau so und nicht anders gut war.

Bei Schröders Nachfolgerin wartet die Öffentlichkeit darauf, wann und ob sie bereit ist, etwas als richtig Erkanntes gegen heftigste Winde durchzufechten. Möglicher Einwand: War die Merkel'sche Energiewende von 2011 nicht mutig? Ja und nein. Die Kanzlerin legte zwar entschlossen den energiepolitischen Hebel um, aber sie erfüllte alte Sehnsüchte einer Kernkraft-verängstigten Mehrheit innerhalb und außerhalb der Parlamente. Mit ihrem populären Nein zur Kernenergie stemmte sich Merkel gegen eine Tür, gegen die bis auf die AKW-Lobby kaum jemand drückte. Merkels Durchwinken der Teilabkehr von der Rentenreform Ende 2013 war sogar das Gegenteil politischen Muts.

  • Fotos : Konrad Adenauer in Bildern
  • Fotos : Willy Brandt und die Affäre Guillaume
  • Fotos : Wulff würdigt Brandts Kniefall

Adenauer: "Das Wichtigste ist der Mut"

Von großem Mut zeugten Entscheidungen Konrad Adenauers, Willy Brandts, Helmut Kohls, der großen drei unter den Bundeskanzlern. Adenauers Mitarbeiterin Anneliese Poppinga wählte als Titel ihrer Biografie des "Alten von Rhöndorf" dessen Zitat: "Das Wichtigste ist der Mut". Auch dies ist Originalton Adenauer: "Man muss den Weg gehen, den man als richtig erkennt, gleichgültig wie schwer er ist."

Adenauer setzte gegen schnaubende Kritik im Innern und im kommunistischen Ostblock die bundesrepublikanischen Fundamente in westeuropäischen Boden. Adenauer erkämpfte unbeirrbar den Platz Westdeutschlands im westlichen Verteidigungsbündnis. Legendär sein Mut, bei der Moskau-Reise 1955 auf dem politischen Junktim zu bestehen: Aufnahme diplomatischer Beziehungen zur Sowjetunion nur gegen Freilassung von knapp 10.000 deutschen Kriegsgefangenen.

Stärkstem innenpolitischen Gegendruck bot Kanzler Willy Brandt die Stirn, als er seine Aussöhnungspolitik gegenüber Warschau und Moskau in den frühen 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts durchzusetzen verstand. Brandt wurde als Landesverräter verunglimpft. Er hielt trotzdem stand und behielt mit seiner Ostpolitik recht. Sie zählt heute zu jener Kraft, die das historisch Gute mitbewirkte: die Wiedervereinigung Deutschlands 1990.

Hierbei leistete Bundeskanzler Helmut Kohl 1989/90 mutige Architektendienste - früher als andere die Chance zur Einheit erkennend, den Bauplan dazu entwerfend (Zehn-Punkte-Plan), tiefes Misstrauen und Widerstand in London, Paris, Moskau kalkulierend, später menschlich-klug entkräftend. Kohl ergriff beherzt den Saum des Mantels der Geschichte. Er gewann mit Mut und Kaltschnäuzigkeit schließlich Michail Gorbatschow in Moskau für den kühnen Plan, das neue deutsche Haus mit West- und Ostflügel auf freien, europäischen Grund zu stellen.

Für einen Wimpernschlag ihrer Geschichte waren die Deutschen ein glückliches Volk. Längst sind sie das nicht mehr, aber stark sind sie in Europa geworden. Nun braucht es politischen Mut, mit dieser Stärke zum Glück aller in Deutschand und Europa umzugehen. Denn Mut, der zu Übermut, zu Kraftprotzerei wird, ist kindisch, wenn nicht sogar politisch gefährlich.

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(RP)