Berlin: "Politik braucht ein hörendes Herz"

Berlin : "Politik braucht ein hörendes Herz"

In der ersten Rede eines Papstes vor dem Bundestag beschwört Benedikt XVI. die christlichen Grundlagen von freiheitlichem Rechtsstaat, Menschenrechten und Demokratie. Er warnte vor reinem Erfolgsdenken und lobte die ökologische Bewegung.

Papst Benedikt XVI. hat am ersten Tag seines Deutschlandbesuchs zur Rückbesinnung auf christliche Werte aufgerufen. In seiner Rede vor dem Bundestag, der ersten, die ein Oberhaupt der katholischen Kirche vor einem deutschen Parlament hielt, sagte er, im Glauben liege der Schlüssel, Gut und Böse zu unterscheiden und dem Frieden zu dienen. Rund 80 Abgeordnete der insgesamt 620 Parlamentarier sind gestern der Rede des Papstes ferngeblieben. Bei den Linken blieben rund 50 Plätze frei, bei der SPD 25 und zwölf bei den Grünen. Diese Volksvertreter wollten mit ihrem Fernbleiben gegen die aus ihrer Sicht fehlende Trennung zwischen Staat und Kirche protestieren. Die überwiegende Mehrheit der Abgeordneten spendete dem Papst aber minutenlangen stehenden Applaus.

In einer philosophisch-theologischen Rede beklagte der Papst, gegenwärtig werde die Welt fast nur noch in Kategorien wissenschaftlicher Erkenntnisse bewertet. Innerhalb dieser Denkweise seien aber moralische Werturteile kaum möglich. Diesem fehlenden moralischen Kompass setzte er die Identität Europas entgegen, die auf dem Bewusstsein der Verantwortung des Menschen vor Gott beruhe.

Der Papst warnte auch vor einer Überbetonung des politischen Erfolgs. Der könne Verführung sein und "so den Weg auftun für die Verfälschung des Rechts, für die Zerstörung der Gerechtigkeit". Er erinnerte an die Zeit des Nationalsozialismus, der den Staat zum Instrument der Rechtszerstörung gemacht habe. Grundlegende Aufgabe des Politikers bleibe, dem Recht zu dienen und "der Herrschaft des Unrechts zu wehren". Mit einem "hörenden Herzen" müsse der Politiker auf die Menschen zugehen.

Der Papst überraschte die Abgeordneten im Bundestag mit einem Lob für die Grünen. Das Auftreten der ökologischen Bewegung in der deutschen Politik seit den 70er Jahren sei ein "Schrei nach frischer Luft" gewesen, den man nicht überhören dürfe und nicht beiseiteschieben könne. Nichts liege ihm ferner, als Propaganda für eine bestimmte politische Partei zu machen, versicherte er. Aber die Bedeutung der Ökologie sei mittlerweile unbestritten. Auf die politischen Debatten vor der 20-minütigen Rede ging Benedikt XVI. nicht direkt ein. Er bezeichnete aber die Einladung zur Rede als hohe Ehre und als Anerkennung der Rolle, "die dem Heiligen Stuhl als Partner innerhalb der Völker- und Staatengemeinschaft zukommt".

Bundespräsident Christian Wulff, Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und fast das gesamte Kabinett hatten am Morgen Benedikt auf dem Flughafen Berlin-Tegel empfangen. Offiziell begrüßte der Bundespräsident das Staatsoberhaupt des Vatikans mit militärischen Ehren im Schloss Bellevue. Dort beklagte der Papst die zunehmende Gleichgültigkeit der Gesellschaft gegenüber der Religion. "Die Religion ist eine der Grundlagen für ein gelingendes Miteinander", betonte das Kirchenoberhaupt. Während seines Deutschlandbesuchs wolle er in erster Linie Menschen begegnen und über Gott sprechen. Die 21. Auslandsreise des Papstes steht unter dem Motto "Wo Gott ist, da ist Zukunft" und führt ihn auch nach Erfurt, ins Eichsfeld und nach Freiburg.

Bundespräsident Wulff sagte, die Kirche lebe mitten in dieser Gesellschaft: "Deswegen ist sie auch selbst immer wieder von neuen Fragen herausgefordert." Merkel sprach am Mittag bei einem Treffen mit dem Papst die Themen Europa und Finanzmärkte an. Tausende Menschen demonstrierten mit einem bunten Umzug gegen den Besuch des Kirchenoberhaupts. Sie kritisieren vor allem die Geschlechter- und Sexualpolitik des Papstes. Die Proteste verliefen ohne Zwischenfälle. Auf dem Flug nach Deutschland hatte der Papst erklärt, solange die Proteste friedlich blieben, seien sie in einer freien Gesellschaft in der säkularisierten Welt normal.

Im Reichstagsgebäude traf sich der Papst dann mit Vertretern der jüdischen Gemeinde und fuhr danach zum Olympiastadion. Dort traf der Pontifex mit dem Regierenden Bürgermeister von Berlin, Klaus Wowereit (SPD), zusammen und trug sich ins Goldene Buch der Stadt ein. Zum anschließenden ersten großen Gottesdienst des viertägigen Besuchs kamen 70 000 Menschen. In seiner Predigt rief der Papst die Gläubigen dazu auf, auch in schwierigen Zeiten in der Kirche zu bleiben.

(RP)
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