Plädoyer fürs Hallenbad Die Freiheit, die ich meine

Meinung | Düsseldorf · Vielerorts werden Hallenbäder geschlossen, um Energie zu sparen. Der Reflex ist verständlich. Doch Schwimmbadschließungen sind keine Kleinigkeit. Was verloren geht, wenn Bürgern das Abtauchen verwehrt wird.

Hitze NRW - 15 kühle Freizeittipps der Region - Übersicht der Orte
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15 kühle Freizeittipps für die Region

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Foto: dpa/Daniel Reinhardt

Es gibt Menschen, die fühlen sich nirgends so frei wie im Schwimmbad: Am Beckenrand ins Wasser gleiten, den Kopf aus der lauten Welt in eine gedämpfte Sphäre tauchen, die Beine anziehen, abdrücken, durch ein Medium rauschen, das schwerelos macht, das trägt und umgibt, die Arme voran wie ein Pfeil. Und dann eng an die Rippen wie ein Superheld. Das verschafft traumhafte Leichtigkeit. Nicht nur dem Körper.

Darum ist es keine Nebensächlichkeit, wenn jetzt in vielen Städten und Kommunen die Hallenbäder geschlossen werden – und womöglich auch nach der Freibad-Saison geschlossen bleiben, um Energie zu sparen. Man kann die Verwaltungen verstehen: Sie sollen vorsorgen, jetzt schon einsparen, was bald unbezahlbar werden könnte, da fallen ihnen die Schwimmbäder ein. Denn die verschlingen Energie, um es den Besuchern angenehm zu machen. Sie sind ein merklicher Posten im Etat. Ein wenig Luxus für alle, bezahlbar mit Zehnerkarte oder Familienpass, das erscheint verzichtbar, wenn es knapp wird. Zumal die Schwimmbäder vor Kurzem ja schon mal dichtgemacht wurden. Auch da gab es gute Gründe: Die öffentlichen Pools seien Virenumschlagplätze, hieß es damals, weil die Leute im Hallenbad einander nahekommen, unmaskiert im selben Raum duschen, das Wasser teilen. Und so wurde der Betrieb in den öffentlichen Hallen wegen Corona einvernehmlich eingestellt. Gab ja Schlimmeres: geschlossene Schulen zum Beispiel.

Jetzt sind die Bäder wieder an der Reihe. Noch gibt es Ersatz. Noch können Menschen, die das Wasser lieben und Bewegung im Wasser nötig haben, an den meisten Orten ins Freibad ausweichen. Da ist es an warmen Tagen übervoll, an kühleren kostet das Herablassen an der Trittleiter Überwindung. Aber das nimmt in Kauf, wer die Freiheit sucht. Oder einen kranken Rücken hat. Oder einfach Spaß an Bewegung.

Und das sind viele: Die Deutsche Gesellschaft für das Badewesen dokumentiert in ihrem Bäderatlas 6000 Hallen- und Freibäder, 550 öffentliche Badeanstalten an Naturgewässern und etwa 2500 Badestellen. Ins Wasser zu kommen, scheint in Deutschland ein verbreitetes Bedürfnis zu sein. Städte und Kommunen lassen sich das Angebot auch in normalen Zeiten durchaus etwas kosten. Etwa vier bis fünf Euro müssten Tickets im Schnitt mehr kosten, um den Unterhalt des Badebetriebs zu decken, rechnet die Gesellschaft für das Badewesen vor. Der Angriff auf die Ukraine mit den Folgen für die Energieversorgung in Deutschland verändert diese Rechnung. Wie teuer es noch wird, kann keiner sagen, also wird das Schwimmvergnügen schon mal vorsorglich ausgebremst. Erst wurde vielerorts die Wassertemperatur gesenkt, nun schon wieder probegeschlossen. Während des Sommers. Erst einmal.

Das ist auch deswegen keine Nebensächlichkeit, weil der Mensch den Kontakt zum Wasser braucht – nicht nur unter der Dusche. Schwimmen, Baden, Untertauchen, das Körpergewicht verlieren, die Gelenke entlasten, sich einem Medium anvertrauen, das unendlich scheint und Leben auf dem Planeten erst möglich macht, das ist überall auf der Welt Teil der Kultur. Und es hat alle erdenklichen Formen hervorgebracht: das Bad im Ganges, die Taufe im Jordan; römische Therme, arabische Hamam, europäische Seebäder; Sportbäder, Wellenbäder, Spaßbäder. Jede Zeit entwickelt neue Arten, wie Menschen gemeinschaftlich ins Wasser gehen, doch scheint es zu den Dingen zu gehören, die jeder Einzelne braucht und die gemeinsam eine andere Dynamik entfalten. Auch wenn man die anderen Badegäste nicht kennt. Man macht dieselben Bewegungen, jeder so gut er kann. Und wenn man geht, nickt man zum Abschied. Man hat ja das Becken geteilt.

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Foto: Hans-Jürgen Bauer

Vielleicht hätte man auch beim Schwimmbadbau vorausschauender sein können. Hallenbäder müssen ja keine Energieschleudern sein. Man kann Lüftungsanlagen mit Wärmerückgewinnung einbauen, Solaranlagen auf die Dächer setzen, Erdwärme nutzen. Doch natürlich macht das Um- und Neubauten teurer, kommunale Entscheidungen diskussionswürdiger und ein dichtes Angebot in der Fläche schwieriger. Womöglich wird es also auch im Schwimmbadsektor zu einer Konzentration des Angebots kommen, werden Menschen weitere Strecken zurücklegen müssen, um ins Nass zu springen. Das trifft ärmere, ältere, immobilere Menschen härter. Menschen, für die das Schwimmen oft ein besonderes Vergnügen, ein niederschwelliger Freizeitspaß und Kontaktpunkt fürs soziale Leben ist. Das Schwimmbad ist eben auch ein gesellschaftliches Auffangbecken. Im Badeanzug scheinen die Menschen gleicher, auch wenn es natürlich die feinen Unterschiede gibt, von der Ausrüstung mit getönten Chlorbrillen, Marken-Badelatschen, Hand-Paddles über die Schwimmerziehung bis zum Aussehen der Körper. Trotzdem zählt das Schwimmbad zu den wenig verbliebenen öffentlichen Orten, an denen Menschen einander ungeplant begegnen. Auch Konflikte austragen über Benimmregeln, Geräuschempfinden, Sittlichkeit. Manchmal kommt es auch zu Aggressionen und Gewalt, werden Spinte aufgebrochen, Bademeister angegriffen, kommt es zu sexuellen Übergriffen. Denn das Schwimmbad ist ein Raum, den man ungeschützter betritt, verwundbarer, vielleicht auch ehrlicher. Manche stachelt das an. Manche nutzen das aus.

 Ein Schwimmer im Becken.

Ein Schwimmer im Becken.

Foto: dpa/Friso Gentsch

Doch das Schwimmbad bleibt ein Ort, der keine Hürden inszeniert. Jeder kann hin. Jeder darf seine Bahnen ziehen – auf den Powerstrecken oder im Relax-Bezirk, im gemächlichen Rückwärtsgang der Rückenschwimmer oder dem imposanten Getose der Schmetterlingsschwimmer. Das Schwimmbad ist kein Gleichmacher, aber ein Begegnungsraum. Eine Zone, in der Miteinander geübt wird – bis der Bademeister pfeift. Ein Ort, der uns etwas wert sein sollte.

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