1. Politik

Pistorius „wütend“ über Sophie-Scholl-Vergleich

Nach „Querdenker“-Protesten in Hannover : Pistorius „wütend“ über Sophie-Scholl-Vergleich

Eine Kritikerin der Corona-Politik sieht sich als „Sophie Scholl“, weil sie sich ähnlich engagiere wie Widerstandskämpfer zur NS-Zeit. Der bei der „Querdenken“-Demo in Hannover mitgeschnittene Auftritt stößt bei Niedersachsens Innenminister Boris Pistorius (SPD) auf scharfe Kritik.

Niedersachsens Innenminister Boris Pistorius (SPD) hat mit Entsetzen auf Äußerungen einer Rednerin bei einer „Querdenken“-Demonstration in Hannover reagiert, die sich mit der Widerstandskämpferin Sophie Scholl verglich. „Die irrlichternden Äußerungen einzelner Teilnehmer sind zum Teil beschämend“, sagte Pistorius unserer Redaktion. „Wenn jemand öffentlich das eigene Handeln als Demo-Anmelderin und vermeintliche Widerständlerin mit dem mutigen Handeln von Sophie Scholl vergleicht, dreht sich mir der Magen um.“

Am Samstag hatte sich eine Rednerin einer „Querdenken“-Demonstration gegen die Corona-Maßnahmen in Hannover mit der Widerstandskämpferin gegen den Nationalsozialismus, Sophie Scholl, verglichen. Scholl war im Jahr 1943 vom NS-Regime zum Tode verurteilt und im Alter von 21 Jahren hingerichtet worden.

In einem Video von der Kundgebung, das bei Twitter bis Montag mehr als zwei Millionen Mal angeklickt wurde, spricht die Frau, die sich als „Jana aus Kassel“ vorstellt, von einer kleinen Bühne zum Publikum. „Ich fühle mich wie Sophie Scholl, da ich seit Monaten hier aktiv im Widerstand bin, Reden halte, auf Demos gehe, Flyer verteile und auch seit gestern Versammlungen anmelde“, sagt sie.

Pistorius reagierte nun mit äußerst scharfer Kritik: „Die Menschen in Deutschland des Jahres 2020 können frei ihre Meinung sagen und erhalten in sozialen Netzwerken sogar noch ein verstärkendes Medium, über das sie zum Teil auch noch die krudesten Verschwörungstheorien verbreiten können. Sie können – unter bestimmten Corona-bedingten Auflagen – demonstrieren gehen“, sagte Pistorius. Unabhängige Gerichte prüften dabei regelmäßig Exekutiventscheidungen und hätten diese auch vereinzelt kassiert. „Zum Vergleich: Sophie Scholl verteilte 1943, zwischen SS- und Gestapo-Terror, in einer skrupellos mordenden und folternden Diktatur Flugblätter, wurde im Schnellverfahren von gleichgeschalteten Nazi-Gerichten zum Tode verurteilt und nach nur vier Stunden per Guillotine geköpft.“ Sophie Scholl sei eine mutige Heldin die, den Tod vor Augen, kompromisslos für Freiheit und Menschlichkeit in einer menschenverachtenden Diktatur kämpfte, sagte Pistorius. „Die Demonstranten der Querdenker-Demos kämpfen in einer der freiheitlichsten Demokratien der Welt dafür, beim Samstagseinkauf keine Maske tragen zu müssen und haben dabei schlimmstenfalls einen Twitter-Shit-Storm zu fürchten. Diese Form von Geschichtsvergessenheit und die schamlose Selbstbezogenheit vieler Querdenker und ähnlicher Verbindungen machen mich wütend“, sagte Pistorius.

Der Landesinnenminister nahm auch alle Sympathisanten der „Querdenker“-Organisation in die Verantwortung. „Noch widerlicher ist dies, wenn man sich vor Augen führt, wer an diesen Demonstrationen teilnimmt: Sicher nicht alle, aber zahlreiche Personen sind klar verfassungsfeindlich oder Rechtsextremisten“, sagte Pistorius. „Andere bewegen sich zunehmend in diese Richtung. Wir beobachten diese Entwicklung genau.“ Denjenigen, die sich mit solchen Verfassungsfeinden nicht gemein machen wollen aber dennoch mitlaufen, könne man politische Naivität unterstellen. „Man muss ihnen aber auch – gerade mit Blick auf die Geschichte des Aufstiegs und der Machtergreifung der Nationalsozialisten in Deutschland – egoistische Verantwortungslosigkeit attestieren“, sagte Pistorius. Zugleich lobte er den Einsatz der Polizei bei der Demonstration. Das Konzept der Polizei war gut durchdacht und ist konsequent umgesetzt worden.

Neben Pistorius äußerte sich am Montag auch der Zentralrat der Juden, der eine Relativierung des Holocausts beklagte. Seit Monaten müsse man mitansehen, wie bei den „Demonstrationen der Corona-Leugner die Schoa relativiert und deren Opfer sowie Widerstandskämpfer gegen den Nationalsozialismus hemmungslos instrumentalisiert werden“, sagte Präsident Josef Schuster am Montag der Zeitung „Main-Post“. „So wie die Demonstranten keine Rücksicht auf die Gesundheit anderer Bürger nehmen, so haben sie auch keinen Respekt vor NS-Opfern. Das ist ein widerliches Schauspiel“, kritisierte Schuster.

((mit dpa) )