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Analyse: Pisa wird zum Problem

Analyse : Pisa wird zum Problem

Mal wieder liegt ein internationaler Schulvergleich vor. Deutschland schneidet schlechter ab. Ob das heißt, dass weniger geleistet wird, ist allerdings gar nicht so klar. Ebenso wenig, wozu wir die Mega-Studien eigentlich noch brauchen.

Die Quantenphysik ist ein Bereich der Naturwissenschaften, der für den Laien seltsam, teils geradezu absurd erscheint. Eins der quantenphysikalischen Prinzipien ist das der Unschärfe: Messungen verändern das Messobjekt, Aussagen über verschiedene Eigenschaften eines Objekts sind nur mit begrenzter Genauigkeit möglich.

Ein bisschen ist es so auch mit dem neuen Pisa-Schulvergleich, der gestern vorgestellt wurde. Da passt es gut, dass der diesjährige Schwerpunkt Naturwissenschaften waren. Um Quantenphysik ging es allerding nicht; das ist für 15-Jährige doch etwas happig. An der Aussagekraft der Resultate allerdings darf gezweifelt werden. Aber der Reihe nach.

Die Ergebnisse Einerseits brachten die Schüler in Deutschland weiter überdurchschnittliche Leistungen beim Lesen, Rechnen und Lösen naturwissenschaftlicher Aufgaben. Andererseits erreichten sie keine deutlichen Verbesserungen mehr. Im Gegenteil: In Naturwissenschaften schnitten sie schlechter ab als zuvor, vor allem an Gymnasien. 509 Punkte erreichten sie, 2012 waren es noch 524. Der Durchschnitt lag dieses Mal bei 493 Punkten. Heino von Meyer, Experte der für Pisa zuständigen Industrieländer-Organisation OECD, fasst es so: Deutschland habe das "Jammertal des Pisa-Schocks" zwar verlassen. Doch mit den aktuellen Ergebnissen ende auch ein zehnjähriger Aufstieg ins obere internationale Mittelfeld; weitere Dynamik sei nicht erkennbar.

Klarer Sieger ist Singapur. Die Schüler erreichten dort in Naturwissenschaften 556 Punkte, es folgen Japan (538) und Estland (534) als bestes europäisches Land. In Mathematik rangiert Singapur (564) vor den Chinesen aus Hongkong (548) und Macao (544), im Lesen mit 535 Punkten vor Kanada und Hongkong (jeweils 527) sowie dem langjährigen Pisa-Europameister Finnland (526).

Die Methode Rund 540.000 Schüler aus 72 Staaten und Regionen haben 2015 die aktuellen Tests absolviert. Die einzelnen Pisa-Runden folgen im Abstand von drei Jahren. In Deutschland machten etwa 6500 Schüler mit. So weit, so vergleichbar. Zwei Neuerungen gab es allerdings: Die OECD hat für die Bewertung von Aufgaben ein neues Kriterium eingeführt - und erstmals wurden die Tests am Computer absolviert.

Und da beginnt das Problem. "Die OECD macht es sich bei der Umstellung etwas einfach", kritisiert etwa Olaf Köller, Bildungsforscher an der Uni Kiel. Er hat an einer Stellungnahme des Zentrums für internationale Bildungsvergleichsstudien (ZIB) an der TU München mitgewirkt, die den Negativ-Effekt untersucht. "Minus 15 Punkte in drei Jahren - das gibt es nur, wenn man den Unterricht einstellt", sagt Köller. Unter Berufung auf eine Vergleichsstudie, die teils am Computer, teils auf Papier durchgeführt wurde, kommen sie zu ganz anderen Ergebnissen: Weil deutsche Schüler im Unterricht weniger vertraut mit Computern seien als etwa ihre Kollegen in Fernost, würden für sie Aufgaben in digitaler Form bis zu 20 Punkte schwieriger als auf Papier. Das verzerre die Ergebnisse - Pisa mäße demnach nicht nur Schulleistungen, sondern auch Computer-Kenntnisse. "Wenn die Erschwernis bei Pisa ebenso groß war", resümiert Köller, "wäre der Trend sogar positiv." Dann käme nämlich ein korrigierter Wert von 526 bis 528 heraus - was die Aufwärtsbewegung des vergangenen Jahrzehnts bestätigen würde.

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Die Folgerungen Die Vergleichbarkeit von Pisa 2015 mit den vorherigen Runden ist also zumindest zweifelhaft. "Es ist fast ein Neustart", sagt Köller sogar. Trotzdem leitet sich aus der Methodenkritik direkt eine schulische Problembeschreibung ab: Deutsche Schüler können ihr Potenzial am Rechner nicht voll abrufen. Bei der Digitalisierung hat Deutschland tatsächlich Nachholbedarf - nicht bloß bei der Ausstattung der Schulen, sondern auch bei der Medienkompetenz der Schüler.

Die Ergebnisse der Untersuchung selbst bestätigen Bekanntes: Kinder aus armen Familien oder ohne Akademiker-Eltern holen auf, haben es aber in Deutschland immer noch besonders schwer. Noch mehr gilt das für Migrantenkinder: Sie hängen um ein Schuljahr hinterher. In Deutschland gilt etwa ein Fünftel der 15-Jährigen als besonders leistungsstark - mehr als im OECD-Schnitt; deutlich mehr sind es nur in Fernost. Dafür hat zum Beispiel Estland nur etwa halb so viel besonders schwache Schüler (fünf gegen zehn Prozent).

Schlecht schneidet Deutschland auch bei der Wertschätzung naturwissenschaftlicher Forschung und Arbeit ab. Hier sind Großbritannien, Dänemark und auch die sonst eher schwachen USA weit voraus. ZIB-Expertin Kristina Reiss bescheinigt den Schülern sogar nachlassendes Interesse. Die OECD empfiehlt daher mehr naturwissenschaftlichen Unterricht in unteren Klassen.

Das Fazit Von Pisa 2015 bleiben aber nicht solche aufgewärmten Ratschläge haften. Mit Pisa 2015 wächst vielmehr der Zweifel an solchen Großuntersuchungen. Klar war und bleibt: Deutschland ist grundsätzlich auf dem richtigen Weg, wenn es Bildungsergebnisse besser vergleichbar macht und Anforderungen einheitlicher gestaltet. Ganztagsangebote helfen vor allem Kindern aus armen Familien und Migrantenkindern, aber hier bleibt viel zu tun. Auch bei der klaren Fokussierung auf Leistung und Anspruch (wer fordert, erzielt bessere Ergebnisse, schreibt die OECD) hapert es noch - NRW war da in den rot-grünen Jahren ein schlechtes Vorbild.

Das aber wird immer aufs Neue mehr oder weniger wortgleich bestätigt; zu Pisa kommt noch ein Strauß nationaler und internationaler Vergleiche. Kritiker beklagen deshalb schon länger die "Testeritis", die auch das Lernen zum Nachteil verändere, nämlich hin zum kurzfristig Messbaren. Von "Bildungsdressur" sprach gestern der Verband Lehrer NRW. Die Bildungsgewerkschaft GEW fordert gar einen grundsätzlichen Wechsel zu Beispielstudien, die untersuchen, wie guter Unterricht gelingt.

Die Kritik ist grundsätzlich wie noch nie. 2015 war kein guter Pisa-Jahrgang.

Beispielaufgaben www.rp-online.de/pisa

(jd)