Berlin: Piraten: Professioneller werden oder kollabieren

Berlin: Piraten: Professioneller werden oder kollabieren

In der Piratenpartei werden die Zweifel immer stärker, ob sie angesichts des ungebrochenen Zulaufs von Mitgliedern und des anhaltenden öffentlichen Interesses weiter ehrenamtlich geführt werden kann. "Es muss in großem Stil etwas passieren", sagte der wegen "Überlastung" als Schatzmeister ausgeschiedene Pirat René Brosig. Andernfalls drohe der Kollaps. Die Mitgliederzahl der Piraten ist auf 30 000 angewachsen. Mit derzeit neun Prozent in den Umfragen ist ein Einzug in den Bundestag weiterhin sehr wahrscheinlich.

Vor Brosig hatte bereits eine ganze Reihe anderer führender Piraten die enorme Arbeitsbelastung beklagt, die zusätzlich an den Kräften nage, weil ein ständiges Mobbing herrsche und man jederzeit Gefahr laufe, Opfer sogenannter Shit storms zu werden, also Beschimpfungsorgien im Internet. Parteisprecherin Anita Möllering bezeichnete auf Anfrage das Ausmaß der Arbeit für die Ehrenamtlichen als "Wahnsinn". Da schwänden die Kräfte. "Das Risiko des Burnouts wird kommen", sagte sie voraus: "Wir müssen auf die Ehrenamtlichen aufpassen."

Selbst der Bundesvorsitzende Bernd Schlömer arbeitet ehrenamtlich in seiner Freizeit für die Partei, während er tagsüber seiner Arbeit im Verteidigungsministerium in Berlin nachgeht. Derzeit wird lediglich eine Kraft in der Bundeszentrale bezahlt: die Pressesprecherin, freilich nur auf 800-Euro-Basis. Daneben gibt es noch einen 400-Euro-Job für die Geschäftsstellenleiterin.

Piraten-Finanzexperte Matthias Schrade erläuterte im Gespräch mit unserer Zeitung, dass seine Partei gewohnt sei, mit geringen finanziellen Mitteln auszukommen. Für die letzten Wahlkämpfe habe sie 50.000 Euro in Berlin, bis zu 40.000 Euro im Saarland, 60.000 Euro in Schleswig-Holstein und zwischen 100.000 und 120.000 Euro in NRW zur Verfügung gehabt. Der gesamte Bundesetat belaufe sich auf höchstens 350.000 Euro.

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Davon werde ein Drittel für Bundesparteitage ausgegeben, ein Drittel für Reisen, Informationstechnik und Geschäftsstelle sowie der Rest für Demonstrationen und Veranstaltungen. Deshalb sagt Schrade voraus: "Es wird noch Jahre dauern, bis wir bezahlte Strukturen haben werden." Dennoch läuft die Professionalisierung. So hat sich die Piratenpartei nun für 50.000 Euro eine Verwaltungssoftware zugelegt, damit sie Mitglieder mahnen kann, die ihre Beiträge nicht zahlen.

Der zurückgetretene Parteisprecher Christopher Lang verstärkte unterdessen seine Angriffe auf seine Partei. Es gebe im Kampf um Posten Fälle von Mobbing. Er sei selbst öffentlich beschimpft und auf einer Piraten-Versammlung mit eine Kabel geschlagen worden. Partei-Vizechef Sebastian Nerz wies diese Vorwürfe zurück: "Ich kann mir nicht vorstellen, dass da etwas dran ist", betonte er im Gespräch mit unserer Zeitung. Natürlich schade die Debatte über Mobbing den Piraten, daran zeige sich aber auch, "dass bei uns auch Konflikte sehr offen ausgetragen werden".

(spo)
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