Pflege wird Normalfall

Pflege wird Normalfall

Die Zahl der Pflegebedürftigen steigt rasch. Jeder zweite von ihnen leidet unter Altersverwirrtheit. Fachleute sprechen schon von einem "epidemischen" Ausmaß.

Berlin Die steigende Lebenserwartung der Deutschen lässt auch die Zahl der Pflegebedürftigen immer rascher steigen. Drei Viertel aller Frauen, die heute 30 Jahre oder älter sind, werden eines Tages pflegebedürftig sein. Bei den Männern trifft dies auf 50 Prozent zu, wie aus dem Pflegereport der Krankenkasse Barmer/GEK hervorgeht.

Gleichzeitig mit der wachsenden Zahl der Hochbetagten nimmt auch die Zahl der Demenz-Kranken zu. "Die Hälfte der 2,4 Millionen Pflegebedürftigen wird heute dement", sagte der Vize-Chef der Barmer/GEK, Rolf-Ulrich Schlenker. Nach einer Prognose des Statistischen Bundesamtes wird die Zahl der Demenz-Kranken bis 2030 auf 1,8 Millionen und bis 2060 auf 2,5 Millionen Menschen steigen. "Das heißt, dass der Druck auf die Politik wächst", betonte Schlenker.

Die Bundesregierung will Anfang 2013 eine Pflegereform in Kraft setzen, die vor allem die Lage der Demenz-Kranken verbessert. Dafür soll der Beitragssatz für die Pflege um 0,1 Prozentpnkte steigen. Bereits im kommenden Jahr sollen die Leistungen für die Altersverwirrten verbessert werden. Dieses Vorgehen stößt bei Fachleuten auf Kritik: "Statt vorläufige Sonderregelungen speziell für Demenzkranke einzuführen, brauchen wir eine zügige Umsetzung des neuen Pflegebedürftigkeitsbegriffs", sagte Pflegereport-Autor Heinz Rothgang.

Gesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) will die bisher vorliegenden Vorschläge für eine Neuordnung der Ansprüche lieber noch einmal überprüfen lassen. "Im bisherigen Pflegebegriff wird Demenz nicht berücksichtigt. Dass es bei einer Umstellung nicht nur Gewinner gibt, ist allen Beteiligten klar", sagte Daniel Bahr unserer Zeitung. Deshalb könne der neue Pflegebegriff nicht von heute auf morgen eingeführt werden.

Der Pflegebeirat hatte ausgerechnet, dass ein neuer Pflegebedürftigkeitsbegriff drei Milliarden Euro zusätzlich kosten wird, wenn die Demenz-Kranken deutlich bessergestellt und niemand anderes schlechtergestellt werden soll. Die geplante Beitragssatzerhöhung ab 2013 bringt aber nur zusätzliche Einnahmen von einer Milliarde Euro.

Ein Gutachten der Universität Bayreuth belegt, dass nach den bisher vorliegenden Vorschlägen des Pflegebeirats vor allem die Menschen in der ambulanten Pflege Leistungen verlieren würden.

Die Versorgung der Pflegebedürftigen wird in Zukunft erheblich mehr kosten. Denn es steigt nicht nur ihre Zahl, sondern auch die Zahl der Monate und Jahre, die ein alter Mensch im Durchschnitt gepflegt wird, nimmt zu. Während vor zehn Jahren Männer etwa 1,3 Jahre in Pflege verbrachten, sind es heute rund 1,5 Jahre. Bei den Frauen hat sich die Pflegedauer von 2,5 auf 2,8 Jahre erhöht.

Noch eine weitere Zahl aus dem großen Daten-Satz der Krankenkassen lässt aufhorchen: Mittlerweile versterben 70 Prozent der Menschen in Krankenhäusern oder Pflegeheimen. Vor zehn Jahren waren es nur 65 Prozent. Vor allem die Zahl der alten Menschen, die in Pflegeheimen ihre letzten Tage verbringen, hat zugenommen: Sie ist innerhalb von zehn Jahren um mehr als 20 Prozent gestiegen.

Offenbar muss für eine optimale Versorgung der Demenz-Kranken deutlich mehr Aufklärung betrieben werden. Weniger als die Hälfte der Anspruchsberechtigten und ihrer Angehörigen weiß laut der Untersuchung, dass zur Betreuung der Altersverwirrten in Deutschland bis zu 200 Euro zusätzlich pro Monat beantragt werden können – unabhängig davon, ob die Person bereits Leistungen aus der Pflegeversicherung bezieht.

(RP)
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