Moskau: Pfiffe gegen Putin sorgen für Aufregung in Russland

Moskau : Pfiffe gegen Putin sorgen für Aufregung in Russland

Russlands starker Mann Wladimir Putin bekommt offenbar schnell kalte Füße, wenn er auf Kritik stößt. Vor wenigen Tagen wurde er bei einer Sportveranstaltung mit einem Pfeifkonzert begrüßt. Jetzt meidet er Auftritte in Stadien. Ein Benefiz-Konzert für den Kampf gegen Drogen im Moskauer Olympia-Stadion fand überraschend ohne ihn statt.

"Wladimir Putin und die russischen Stars aus Popmusik, Sport und Kino gegen Drogen – echte Kerle brauchen so was nicht." Mit diesem Macho-Slogan wurde die Anti-Drogen-Gala seit Wochen auf riesigen Reklametafeln in ganz Moskau angekündigt. Die Poster zeigten Putin in Lederjacke, die Hände in zupackender Sportlerpose. Alle gingen davon aus, dass der Regierungschef und begeisterte Judoka an der Show teilnehmen würde.

Doch der übliche Aufmarsch an Sicherheitskräften, Leibwächtern und Panzerlimousinen blieb aus. Putin kam nicht. Überhaupt erwies sich das Konzert als Flop: Nur die Hälfte der Ränge war besetzt, meist mit Schulkindern, die man mit Bussen herangekarrt hatte – ein weiteres Zeichen, dass Putins Popularität gerade unter jungen Leuten schwindet.

Am Wochenende war es in dem-selben Stadion zu einem Skandal gekommen, der in der russischen Öffentlichkeit hohe Wellen schlägt: Nach einem Kampfsportduell wollte Putin den russischen Sieger Fjodor Jemeljanenko ehren, während dessen US-Konkurrent Jeff Monson mit gebrochenem Bein davongetragen wurde. Doch Putins Worte gingen in Pfiffen und Buhrufen unter. Das staatliche Fernsehen gab sich große Mühe, das Pfeifkonzert aus dem Beitrag wegzuretuschieren. Auf Youtube war aber der Protest im Original zu hören, und innerhalb kürzester Zeit wurde der Beitrag 500 000-mal geklickt.

Putins Sprecher Dmitri Peskow erklärte, die Pfiffe hätten keineswegs dem Regierungschef gegolten, sondern dem besiegten Amerikaner. Das nun allerdings wollten viele russische Kampfsport-Fans nicht auf sich sitzenlassen. Auf Monsons Webpage sind mittlerweile Tausende Solidaritätsbekundungen aus Russland eingegangen. Man habe nicht ihn gemeint, sondern Putin.

Die Pfiffe seien "das Ende einer Epoche", befand der regierungskritische Blogger Alexej Nawalny. Seit Putin im September bekanntgab, dass er bei der Präsidentenwahl 2012 wieder antritt, hat sich eine bleierne Schwere über Russland gelegt. Putin wird die Wahl gewinnen, er wird sechs Jahre amtieren und dann vermutlich wiedergewählt. Das bedeutet Putin bis 2024, gerade für junge Russen eine deprimierende Aussicht: Jeder Fünfte von ihnen will mittlerweile auswandern.

(RP)