Gott Und Die Welt: Petraeus & Co. – die Helden des Rücktritts

Gott Und Die Welt : Petraeus & Co. – die Helden des Rücktritts

In dieser Woche folgte ein Rücktritt dem nächsten. Diese Form der Problemlösung ist ein Phänomen unserer Epoche geworden. Darum ist es an der Zeit, über eine Ausweitung solcher Korrekturen nachzudenken.

Selbstverständlich kam jüngst am Frühstückstisch das Gespräch auch auf fremdliebende Männer. Auf jene also, die – obgleich schon von Berufs wegen erfahrene Geheimniskrämer – das Verborgene in ihrem Herzen nicht länger mehr vertuschen konnten. Dabei sind Liebeserklärungen ja gar nicht schlimm. Und dass die halbe Welt daran Anteil nimmt, adelt nur unsere Gefühle erheblicher Zugeneigtheit. Allerdings wussten wir bislang noch nicht, dass dadurch eine ganze Nation gefährdet werden könnte. Wir mussten dieser Tage also lernen, dass der Liebe wegen die USA so gut wie vor dem Abgrund standen.

Jetzt aber steht da mit seinem Rücktritt nur noch der beteiligte General David Petraeus. Und er steht da gar nicht so alleine, wie uns alsbald aufgefallen ist. Schließlich ist der Rücktritt schwer in Mode gekommen, etwas gescheiter gesprochen: zu einem Phänomen unserer Zeit geworden. Ein Blick auf die vergangenen Tage reicht: mit dem BBC-Chef George Entwistle, mit dem nicht mehr schreiben wollenden Philip Roth, mit dem vorsorglich Abschieds-winkenden Beck – nicht Rufus, sondern Kurt – sowie mit diversen und vielversprechenden Rücktritts-Talenten. (Namensnennungen aus dieser Kategorie wären jetzt Rufmord.) Aber war das eigentlich schon immer so? Wohl eher nicht. Undenkbar beispielsweise, dass Ludwig XVI. von seinem Amt zurückgetreten wäre. So etwas ist für einen Sonnenkönig-Nachfahren ja gar nicht vorgesehen. Sein finaler Amtsverzicht ging darum auch einher mit dem Verzicht aufs eigene Haupt. Er trat also nicht vor die Presse oder vor die Ehefrau, sondern geradewegs vor seinen Scharfrichter aufs Blutgerüst. Erst danach folgten in der Geschichte etwas homöopathischere Wege der Kurskorrektur. Furchtlose Männer wie der General Carl von Clausewitz machten beispielsweise den Rückzug populär. Und selbst dieser unterlag dem Wandel. Denn im Zeitalter des verschärften Individualismus schätzen wir nicht mehr massenhafte Absetzbewegungen vom Feind, sondern vielmehr die Distanzierung im Kleinen. Aus dem Rückzug ist also der Rücktritt geworden. Und wie sinnfällig wird ein solcher Paradigmenwechsel gerade in der tragischen Figur des General Petraeus! Während seine Truppen noch in Afghanistan stehen und nicht an Rückzug denken, hat der Hochdekorierte an der umkämpften Heimatfront des Herzens den persönlichen Rücktritt bereits vollzogen. Vielleicht müssen wir den Rücktritt als eine neue Kultur zu begreifen lernen. Wir dachten da am Frühstückstisch an verwegene Ausweitungen. Könnte auch der ewig neue Berliner Flughafen zurücktreten? Oder Griechenland? Aber da war das Frühstück auch schon beendet. Das Laub musste gekehrt werden. Ein Rücktritt davon war definitiv ausgeschlossen.

(RP)
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