Nominierungsparteitag der SPD in Hannover Peer Steinbrück in der Mitte seiner Partei

Hannover · Die SPD applaudiert ihrem Kanzlerkandidaten zehn Minuten lang. Dieser bekennt seinen Stolz, ein deutscher Sozialdemokrat zu sein.

Alles ist perfekt inszeniert. Während in Hannover Schneegestöber herrscht, wärmt NRW-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft zuvor die Genossen bei ihrer Begrüßungsrede mit dem Vorwurf an die CDU, sie sei zum "Merkel-Wahlverein" verkommen. Dann heizt Parteichef Sigmar Gabriel mit Wahlkampf-Attacke ein: "Die politische Verantwortung für diese Geister-Regierung, die unser Land nun seit drei Jahre unter einem nicht vorstellbaren Niveau verwaltet, trägt einen Namen: Angela Merkel." Das hören die Genossen gern.

Doch als Kanzlerkandidat Peer Steinbrück gerade drei Minuten redet und erst dabei ist, an die Verdienste der Sozialdemokratie zur Bismarck-Zeit zu erinnern, entrollen Aktivisten von Greenpeace im Saal große Transparente. Darauf steht doppeldeutig bezogen auf Steinbrücks Vortragshonorare und die Kohle-Politik der SPD: "Genug Kohle gescheffelt". Es ertönen Buh-Rufe. Steinbrück ist irritiert. Erst als er merkt, dass sich die Buh-Rufe auf die Aktion beziehen, fährt er fort.

Trotz der Störaktion gelingt ihm eine umjubelte Rede, die wegen der ständigen Applaus-Unterbrechungen 30 Minuten länger dauert als geplant. Am Ende gibt es 93 Prozent Zustimmung für Steinbrück als Kanzlerkandidat — weniger als Merkel, die 98 Prozent erhalten hatte. Dafür spenden die Genossen über zehn Minuten Applaus — eine Minute länger, als die CDU für Merkel klatschte.

Noch bevor der Kanzlerkandidat beginnt, fürchtet eine Genossin vom linken Parteiflügel, dass Steinbrück, der erst Beinfreiheit für sich eingefordert hat und wegen der Debatte um seine Vortragshonorare am Ende sehr demütig wurde, sich nun zu sehr anbiedern könnte bei den Linken. "Wir wissen doch, was wir an dem haben, der soll so bleiben, wie er ist", sagt sie. Steinbrück nennt in seiner Rede tatsächlich die meisten Schlüsselbegriffe, die Sozialdemokraten an so einem Tag hören wollen: Starker Staat, armutsfeste Rente, kein Pardon mit Steuersündern, Steuererhöhungen, Mindestlohn, Kita-Plätze, und er liefert jede Menge Bonmots gegen die Regierungskoalition.

Inhaltlich verortet er sich in seiner Rede in der Mitte der Partei. Der sonst so nüchterne Steinbrück hat sogar ein wenig Pathos für seine Parteifreunde mitgebracht: "Ja, ich bin stolz, ein deutscher Sozialdemokrat zu sein", sagt er. Steinbrück, der lange ein Einzelgänger war in seiner Partei, fordert auch mehr gesellschaftlichen Zusammenhalt: "Deutschland braucht mehr Wir und weniger Ich." Dank sagt er seinem Mentor, Altkanzler Helmut Schmidt, mit dem Kompliment, dass dieser eine so große Anerkennung in der Gesellschaft genieße, weil die Bürger bei ihm spürten, "dass da jemand führt auf der Grundlage sittlicher Überzeugungen".

Steinbrück, dem seit seiner Ministerpräsidentenzeit in Nordrhein-Westfalen ein gespanntes Verhältnis zu den Grünen nachgesagt wird, positioniert sich glasklar für eine Koalition mit den Grünen und warnt die Genossen davor, über Ampeln oder andere Bündnisse zu räsonieren. Er mache sich keinen Kopf über ein anderes Szenario "und bitte ihr auch nicht", sagt er. Und: "Es wird einen Regierungswechsel geben. Die Frage ist nur, ob einen halben Regierungswechsel oder einen ganzen."

Dass Steinbrück für den halben Regierungswechsel, sprich eine große Koalition unter Merkel, nicht zur Verfügung steht, macht er so deutlich, dass es keinen Interpretationsspielraum dafür gibt. Immer wieder war in der Partei angemahnt worden, Steinbrück müsse sich inhaltlich breiter aufstellen.

Bei dieser Rede lässt er nichts aus — außer Wirtschaft und Finanzen. "Ihr wisst, was ich darüber denke", sagt er nur knapp. Am Ende verheddert er sich, verliert sich in seinem eigenen Lebenslauf irgendwo in den 70er Jahren und versteigt sich zu der kuriosen Aussage, dass er für eine Wehrpflicht sei. Die wurde von der großen Koalition abgeschafft und bisher hat dies in der SPD noch niemand kritisiert. Schweigen im Saal.

Am Ende will er die Genossen wieder einfangen und sagt den Wahlsieg von Stephan Weil in — kleiner Versprecher — Nordrhein-Westfalen voraus. Der unscheinbar wirkende Oberbürgermeister von Hannover, der am 20. Januar für die SPD die Regierungsmacht in Hannover erobern soll, nimmt es nicht krumm. Am Ende stehen die beiden ungleichen Spitzenkandidaten Arm in Arm auf der Bühne und genießen den Jubel für Steinbrücks Rede. Die Genossen applaudieren ihrem kantigen Kandidaten. "Es ist nicht der Tag für Denkzettel", sagt eine führende Sozialdemokratin.

(qua)
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