Washington Der drittwichtigste Mann in den USA

Washington · Paul Ryan wird Sprecher des US-Repräsentantenhauses - allerdings nur unter zwei Bedingungen.

Es ist der undankbarste Posten, den Washington zurzeit zu vergeben hat: Sprecher des Repräsentantenhauses. Zwar bedeutet er, nach dem Präsidenten und dessen Vize, Platz drei in der protokollarischen Rangfolge der USA. Vor allem aber denkt man dabei an einen Schleudersitz, scheint es doch so, als hätten es die Quälgeister der Tea Party nur darauf angelegt, den Speaker an den Rand der Verzweiflung zu treiben, auch wenn er der eigenen Partei angehört.

Kein Wunder, dass Paul Ryan eine Reihe von Bedingungen stellte, bevor er sich überreden ließ, für das Amt zu kandidieren. Erstens: mehr Zeit fürs Private. Der Vater dreier heranwachsender Kinder möchte die Wochenenden nicht in Washington verbringen, sondern in Janesville, Wisconsin, wo seine Familie lebt. Zweitens musste ihm die Tea-Party-Fraktion versprechen, dass sie ihm nicht in den Rücken fällt, damit ihm eine Zitterpartie bei der fälligen Abstimmung erspart bleiben würde. Zwar handelt es sich bei besagter Gruppe nur um rund 40 Abgeordnete, doch ohne deren Stimmen kommen die Republikaner auf keine Mehrheit, so dass die Abgeordneten de facto über ein Veto verfügen. Den scheidenden Speaker, John Boehner, ließen sie gegen die Wand fahren, weil ihnen seine pragmatische Art nicht passte. Mit Ryan akzeptieren sie nun einen Kandidaten, mit dem sie sich halbwegs identifizieren können.

Als die Tea-Party-Welle rollte, wurde auch der heute 45-Jährige in die erste Reihe der Politik gespült, obwohl er selber nie ein Tea-Party-Mann war. Auch Ryan profitierte von der Wut, die die Finanzkrise, milliardenschwere Rettungspakete und Rekordschuldenberge an der republikanischen Basis ausgelöst hatten.

Ryan steht für einen strikten Sparkurs, gekoppelt mit weitgehenden Steuersenkungen. Er will die staatliche Rente praktisch teilprivatisieren und die Kosten für Medicare, die steuerfinanzierte Gesundheitsfürsorge für Senioren, auf niedrigem Niveau einfrieren. Beides mit dem Argument, dass sich eine alternde Gesellschaft Sozialprogramme, wie sie unter günstigeren demografischen Verhältnissen aufgelegt wurden, so nicht mehr leisten könne. Am College begann er Ayn Rand zu lesen, eine Schriftstellerin, die radikalem Individualismus das Wort redet und deren Werke er längst zur Pflichtlektüre für seine Praktikanten erklärte. Als er 2011 im Namen seiner Partei auf Obamas Rede zur Lage der Nation antwortete, charakterisierte er die Gesundheitsreform des Präsidenten in grotesker Zuspitzung als Teil einer Agenda, "die unser soziales Netz in eine Hängematte verwandelt, die gesunde Menschen in den Schlaf von Selbstgefälligkeit und Abhängigkeit wiegt". Im Jahr darauf kandidierte er fürs Amt des Vizepräsidenten.

Bisweilen kann Ryan aber auch flexibler sein. Vor zwei Jahren etwa half er, einen Shutdown abzuwenden, eine Stilllegung ganzer Regierungsbehörden, indem er sich mit führenden Demokraten auf einen Budgetkompromiss einigte. Dass er sich irgendwann, vielleicht schon 2020, ums Oval Office bewerben wird, gilt als sicher. Die Frage ist, wie viele Nerven ihn der Job des Speakers bis dahin gekostet haben wird.

(RP)