Analyse: Parteien sind überaltert und erstarrt

Analyse: Parteien sind überaltert und erstarrt

Der Altersschnitt der großen Parteien liegt über dem der Bevölkerung. Seit der Wiedervereinigung sinken die Mitgliederzahlen rasant. Politologen kritisieren, dass die Parteiführung dem Nachwuchs den Aufstieg erschwere.

Ein Blick auf die Mitgliederzahlen der politischen Parteien in Deutschland lässt befürchten, dass es in einigen Jahrzehnten niemanden mehr gibt, der dieses Land noch regieren möchte. Seit der Wiedervereinigung haben die beiden großen Volksparteien, SPD und Union, gut 40 Prozent ihrer Mitglieder verloren – die FDP ist sogar um 65 Prozent geschrumpft. Unter den etablierten Parteien sind die Grünen die Einzigen, die wachsen konnten. 59 653 Menschen hatten im Dezember ein grünes Parteibuch – 44 Prozent mehr als 1990.

Das geht aus einer aktuellen Studie des Politologen Oskar Niedermayer von der Freien Universität Berlin hervor. Demnach übertreffen alle etablierten Parteien den deutschen Altersschnitt von rund 45 Jahren deutlich. Grünen-Mitglieder sind mit durchschnittlich 48 Jahren noch am jüngsten, Mitglieder der Linken (60 Jahre) am ältesten. "Die Parteien können froh sein, wenn sie den Abwärtstrend stoppen können", sagt Niedermayer. Im vergangenen Jahr gab es etwa bei der Union gut doppelt so viele Todesfälle und Parteiaustritte wie -eintritte.

SPD und CDU leiden am meisten unter dem Mitgliederrückgang, weil die Mitglieder beider Parteien traditionell aus Gesellschaftsschichten kommen, die immer kleiner werden. Der Hamburger Parteienforscher Elmar Wiesendahl nennt die "Erosion der Milieus" als Ursache für die Misere der Volksparteien. Der Parteieintritt über Jugendorganisationen finde immer seltener statt. Kaum ein SPD-Politiker stamme mehr aus der Gewerkschaftsjugend. Und längst komme der CSU-Nachwuchs nicht mehr hauptsächlich von den katholischen Schulen und Studentenverbindungen in Bayern, wie es noch bei Franz Josef Strauß oder Edmund Stoiber der Fall war. Auch die Zahl der Katholiken und Protestanten insgesamt sinkt seit der Wiedervereinigung.

Die politischen Jugendorganisationen der Parteien selbst seien heute ebenso keine "Karriereschmieden" mehr, sagt der Politologe. Während die politischen "Enkel Willy Brandts" – wie etwa Gerhard Schröder – allesamt zum Vorstand der Jusos gehörten, bevor sie parteipolitisch durchstarteten, sind Mitglieder eben dieser Jugendorganisationen heute nicht mehr automatisch auch Parteimitglieder. So liegt etwa die Übergangsquote der Jungen Union in die CDU Wiesendahl zufolge bei lediglich 35 bis 50 Prozent. Die "Extrempolitisierung" der 60er und 70er, in der eine ganze Generation junger Nachwuchspolitiker "die Alten aufmischen" wollte, habe bereits 1975 ihr Ende gefunden. Damals nahm die SPD beinahe 100 000 Neumitglieder im Jahr auf. "Aber schon die Schröders und die Lafontaines hatten keine Konkurrenz durch eine Nachwuchsgeneration mehr." Wer heute politisch Karriere machen wolle, der müsse so früh wie möglich anfangen, sagt der Experte. Gerhard Schröder wurde mit 19 Jahren SPD-Mitglied. Philipp Mißfelder (33), außenpolitischer Sprecher der CDU/CSU-Fraktion, hat seine Karriere bereits mit 14 Jahren begonnen.

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Der Anteil der über 70-Jährigen ist in den beiden Volksparteien heute etwa viermal so hoch wie der der unter 25-Jährigen. "Die Parteien haben den Charme von Altersheimen", sagt Wiesendahl. In Umfragen zur Attraktivität der Berufswahl landen die Politiker regelmäßig auf den letzten Plätzen. Um ihren Nachwuchs müssen die Parteien zudem immer öfter mit Bürgerinitiativen und sozialen Bewegungen konkurrieren. Die meisten Eltern seien heute keine Parteimitglieder mehr – vererbte Parteiloyalität wie in den 70ern gebe es deshalb kaum, sagt Wiesendahl. Engagierte Nachwuchspolitiker müssten meist zehn Jahre oder mehr auf ein Landtagsmandat warten, weil die Älteren auf ihren Ämtern "sitzen". Denn Mitglieder dürfen beliebig oft für ein Parteiamt kandidieren. Der etablierte Kern der Parteielite teile die Macht unter sich auf. Die Minderheit der Jungen müsste eigentlich "Palastrevolten" organisieren. Doch es herrsche das Oligarchieprinzip.

Wiesendahls Thesen erinnern an das, was der britische Politikwissenschaftler Colin Crouch eine "Postdemokratie" nennt: ein System, in dem Interessenskonflikte nur noch pro forma diskutiert werden. Entschieden wird allein auf der Führungsebene. Die Wahl eines SPD-Kanzlerkandidaten wäre ohne die Zustimmung der mächtigsten Ortsvereine im Ruhrgebiet in den 70ern undenkbar gewesen. Die Verkündung von Peer Steinbrücks Kanzlerkandidatur fand dagegen weitgehend ohne Beteiligung der Parteibasis statt. Juso-Chef Sascha Vogt zeigte sich damals verärgert über den Alleingang der Parteispitze und unterstütze ihn nur nur zähneknirschend.

Der politische Generationenwechsel müsse langsam, aber stetig geschehen, sagt Wiesendahl. Rund 1,3 Millionen Deutsche sind derzeit Parteimitglieder. Noch bis auf etwa 800 000 werde sich der Mitgliederschwund fortsetzen, glaubt der Parteienforscher. "Dann wird der ,Altenberg' durch biologischen Abgang abgetragen sein." Denn trotz sinkender Mitgliederzahlen in den Parteien sind die Zahlen der politischen Nachwuchsorganisationen einigermaßen stabil. Aber auch hier ist die Grüne Jugend die Einzige unter den Etablierten, die deutlich wachsen konnte. Seit 2005 hat sich die Zahl der Anhänger beinahe verdoppelt (2012: 7990). Die Junge Union hat im selben Zeitraum rund acht Prozent ihrer Mitglieder verloren (2012: 119 562). Die Jungen Liberalen (2012: 9783) und die Jusos (2011: 51 526) konnten ihr Niveau in etwa halten.

Die Grünen könnten dem Trend derzeit trotzen, weil viele ihrer Mitglieder, ähnlich wie die jungen SPD-Neulinge in den 70ern, nicht karriere-, sondern gesinnungsorientiert seien, glaubt Wiesendahl. Die Parteispitze überaltere trotzdem. "Und die Mitglieder der Basis sind mit ihrem Einfluss in Ortsdebatten zufrieden und machen den Mittfünfzigern in der Führungsebene keine Konkurrenz", sagt Wiesendahl.

(RP)