Berlin: Papst trifft sich mit Missbrauchsopfern

Berlin : Papst trifft sich mit Missbrauchsopfern

Eine Begegnung von Papst Benedikt XVI. mit Menschen, die in kirchlichen Einrichtungen missbraucht worden sind, war zwar offiziell nicht geplant. Dennoch hat das Oberhaupt der katholischen Kirche gestern mit Opfern und Opfervertretern in Erfurt gesprochen. Der Papst zeigte sich bewegt und erschüttert.

Eine Zusammenkunft des Papstes mit Opfern sexuellen Missbrauchs in kirchlichen Einrichtungen stand beim Papstbesuch in Deutschland nicht auf dem offiziellen Programm. Dennoch gab es eine Reihe von Hinweisen, wonach sich Benedikt XVI. unter Ausschluss der Öffentlichkeit mit Opfern treffen werde. Am späten Abend gab der Vatikan dann eine knappe Erklärung ab, wonach der Papst in den Räumen des Erfurter Priesterseminars mit Opfern gesprochen habe. Nach Informationen der Katholischen Nachrichtenagentur handelte es sich um drei Männer und zwei Frauen, die von Priestern oder kirchlichen Mitarbeitern sexuell missbraucht worden seien. Anschließend habe es zudem ein Treffen mit Opfervertretern gegeben, teilte der Vatikan mit.

"Bewegt und erschüttert von der Not der Missbrauchsopfer hat der Heilige Vater sein tiefes Mitgefühl und Bedauern bekundet für alles, was ihnen und ihren Familien angetan wurde", heißt es in der Erklärung. Benedikt XVI. versicherte, dass den Verantwortlichen in der Kirche an der Aufarbeitung aller Missbrauchsdelikte gelegen sei. Zudem sollten wirksame Maßnahmen zum Schutz von Kindern und Jugendlichen gefördert werden. Die Erklärung schließt mit den Worten: "Papst Benedikt XVI. ist den Opfern nahe und bringt seine Hoffnung zum Ausdruck, dass der barmherzige Gott, der Schöpfer und Erlöser aller Menschen, die Wunden der Missbrauchten heilen und ihnen inneren Frieden schenken möge." Auch bei früheren Reisen des Papstes im Ausland hat es schon solche Zusammenkünfte mit Opfern gegeben, die nie Bestandteil des offiziellen Programms waren.

Die US-Opferorganisation Snap (Netzwerk der Überlebenden des Missbrauchs durch Priester) kritisierte, das Treffen sei "eine weitere nette, aber bedeutungslose Geste". Das Gespräch halte keinen Priester davon ab, Kinder zu belästigen, und es verhindere auch nicht, dass Bischöfe derartige Taten deckten.

Eine solch kritische Haltung müsse man grundsätzlich respektieren, sagt der Kölner Theologe, Bestsellerautor und Psychiater Manfred Lütz, denn: Viele Betroffene seien so tief verletzt, dass es für sie nie genug sein kann, was Benedikt XVI. sagt oder tut. Denn zu sehr hat nach den Worten des Psychiaters der Missbrauch das Leben der Opfer bestimmt. Aber Lütz warnt davor, das Thema gleichsam zu ritualisieren, es immer und immer wieder aufzugreifen. "Die Worte verlieren dann ihre Kraft, werden irgendwann nicht mehr ernst genommen." Nach Ansicht von Lütz müsse man fair sein, schließlich habe sich die katholische Kirche der Aufarbeitung der Missbrauchsfälle intensiv und systematisch angenommen. Die meisten Missbrauchsfälle, so Lütz, ereignen sich bekanntlich in Familien und Sportvereinen. Insbesondere bei Letzteren mangelt es aber noch an vergleichbaren Maßnahmen.

Anders habe sich Papst Benedikt XVI. verhalten, mit dessen Glaubenskongregation Lütz 2003 eine Expertenrunde im Vatikan zum Thema Missbrauch organisiert hatte. Benedikts bisherige Reden zum Thema, sein Brief an die irischen Bischöfe, der Grundsätzliches zur Sprache bringt und damit auch Missbrauchsfälle in anderen Ländern meint, vor allem aber seine Rede vor den 10 000 Priestern in Rom 2010 lassen nach Meinung von Lütz keinerlei Zweifel an der Haltung des Papstes und seinem Willen zur Aufklärung.

Das Thema sexueller Missbrauch in kirchlichen Einrichtungen ist im Winter 2010 in Deutschland erstmals breit öffentlich diskutiert worden. Ausgelöst wurde der Skandal durch Enthüllungen im Berliner Canisius-Kolleg. Infolgedessen meldeten sich immer mehr Missbrauchsopfer, von denen viele in kirchlichen (überwiegend in katholischen) und einige in weltlichen Einrichtungen missbraucht worden waren.

Die Bundesregierung gründete daraufhin einen Runden Tisch, der die Entschädigung von Opfern sowie die Vermeidung und Bestrafung sexuellen Missbrauchs in der Zukunft diskutieren sollte. Die drei beteiligten Ministerinnen für Justiz, für Forschung und für Familie sowie die rund 60 beteiligten Organisationen werden Ende des Jahres ihren Abschlussbericht vorlegen.

Zudem berief die Bundesregierung eine Beauftragte für Missbrauchsopfer. Das Amt übernahm die ehemalige Familienministerin Christine Bergmann. Innerhalb weniger Monate meldeten sich bei ihr rund 15 000 Missbrauchsopfer, der Jüngste war sechs Jahre alt, der Älteste 89 Jahre. Mehr als die Hälfte aller Missbrauchsfälle, deren Opfer sich bei der Anlaufstelle der Regierung meldeten, waren im familiären Umfeld geschehen.

Die Deutsche Bischofskonferenz hatte im März dieses Jahres ein Konzept für Hilfe und Entschädigung von Opfern vorgelegt. Die Opfer erhalten auf Antrag Entschädigungssummen von jeweils rund 5000 Euro. Zudem übernimmt die Kirche Kosten für Therapien zugunsten der Opfer.

Die Missbrauchsopfer sollen auch rechtlich besser gestellt werden. Das Justizministerium hat bereits einen Gesetzentwurf vorgelegt, wonach die Verjährungsfristen zivilrechtlicher Ansprüche wie Schadenersatz oder Schmerzensgeld von drei auf 30 Jahre heraufgesetzt werden.

Um das Gesetz wird aber noch gerungen. Sowohl das schwarz-gelb regierte Bayern wie das SPD-geführte Hamburg fordern eine Verschärfung auch für die strafrechtlichen Verjährungsfristen.

(RP)
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