Pakistan: Flut nutzt den Taliban

Pakistan: Flut nutzt den Taliban

Die Islamisten versuchen aus dem Hochwasser politisches Kapital zu schlagen. Mit unbürokratischer Hilfe sammeln sie Sympathien bei der Bevölkerung. Jetzt bieten die Radikalen gar 20 Millionen Dollar Fluthilfe an. Bedingung: Die Regierung soll auf westliche Gelder verzichten.

Islamabad/Düsseldorf Mit einem dramatischen Appell hat die Uno gestern zu verstärkten Hilfsanstrengungen für die Opfer der schwersten Flutkatastrophe in Pakistan seit 80 Jahren aufgerufen. In einer 1000 Kilometer lange Schneise der Verwüstung warten viele Opfer bisher vergeblich auf Hilfe. Eine Situation, die pakistanische Islamisten politisch auszuschlachten versuchen.

Als schnelle Helfer vor Ort wollen islamistische Hilfsorganisationen und die Taliban ihren Einfluss im Land ausbauen. Bisher fällt ihnen das leicht: Die pakistanische Regierung zeigte sich bisher mit dem Krisenmanagement völlig überfordert. Präsident Asif Ali Zardari weigerte sich, einen Europa-Besuch angesichts der beispiellosen Verwüstungen in seiner Heimat vorzeitig abzubrechen, was in Pakistan für helle Empörung sorgte. Inzwischen ist der Staatschef zwar wieder in Pakistan und hat auch das Katastrophengebiet besichtigt, doch der politische Imageschaden ist nicht wieder gut zu machen.

Gestern versuchten die Taliban den Volkszorn geschickt weiter auszunutzen und forderten die Regierung auf, Hilfsgelder aus den USA abzulehnen. "Die Regierung darf amerikanische Hilfe nicht annehmen", sagte ein Sprecher der pakistanischen Taliban-Organisation Tehrik-i-Taliban Pakistan (TTP), Azam Tariq. "Wir verachten Amerika und andere ausländische Hilfe und glauben, dass sie zu Unterwerfung führt." Die Regierung in Washington hat Pakistan Hilfsgelder in Höhe von 35 Millionen Dollar zur Verfügung gestellt und mit US-Hubschraubern nach Angaben des Weißen Hauses mehr als 1000 Menschen aus den Fluten gerettet.

Sollte Pakistan auf westliche Unterstützung verzichten, bieten die Aufständischen, gegen die die pakistanische Armee erst unlängst noch einen großangelegten Feldzug in den Grenzregionen zu Afghanistan geführt hatte, eigene Hilfen für die Flutopfer in Höhe von umgerechnet rund 15 Millionen Euro an. Die Taliban-Organisation werde selbst Hilfsgüter ausliefern, wenn die Regierung garantiere, dass TTP-Mitglieder nicht verhaftet würden, sagte Tariq. Das Manöver ist durchsichtig, doch die Enttäuschung vieler Pakistaner über die Nothilfe der Behörden sei eine "bedeutende Gelegenheit" für islamistische Gruppierungen, ihren Einfluss im Land auszudehnen, warnte der frühere Berater der Regierung von US-Präsident Barack Obama, Anthony Cordesman. "Sollte sich Pakistan aber radikalisieren, steigert das die Bedrohung durch Terrorismus um einige Stufen", sagte der Experte des Washingtoner Center for Strategic und International Studies. Auch der UN-Gesandte für Pakistan, Jean-Maurice Ripert, warnte vor Islamisten, die die Flutkatastrophe ausnutzten.

Die Vereinten Nationen rechnen unterdessen mit dem größten Hilfseinsatz in ihrer Geschichte. Umgerechnet rund 81 Millionen Euro Soforthilfe werden demnach benötigt, um Flutopfer mit einem Dach über dem Kopf zu versorgen. Weitere 116 Millionen Euro würden für Lebensmittelkäufe gebraucht, rund 85 Millionen Euro für die Versorgung mit Trinkwasser. UN-Nothilfekoordinator John Holmes warnte vor einem deutlichen Anstieg der Toten durch Krankheit und Hungersnöte, sollten die Gelder nicht schnellstens fließen. Bisher wurden offiziell 1600 Todesopfer gezählt. Experten gehen aber von weit höheren Opferzahlen aus, weil allein 5000 Dörfer völlig zerstört wurden.

Internet: Fotos und Hintergründe zur Flut unter www.rp-online.de/panorama

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