Oxfam-Studie: Acht Milliardäre und Milliarden arme Menschen

Analyse : Acht Milliardäre und Milliarden Arme

Zum Auftakt des Weltwirtschaftsforums legt die Organisation Oxfam eine alarmierende Rechnung vor: Acht Männer besitzen so viel wie die ärmere Hälfte der Welt. Die wachsende Ungleichheit macht den Populismus groß.

An Luxus wird es den 3000 einflussreichsten Wirtschaftslenkern und Politikern, die in dieser Woche beim Weltwirtschaftsforum im Schweizer Luftkurort Davos zusammenkommen, sicher nicht mangeln. Es kann aber gut sein, dass sich bei manchem Dinner im Fünf-Sterne-Hotel ein bitterer Beigeschmack bemerkbar macht. Das liegt nicht nur daran, dass dies auch die Woche ist, in der der unberechenbare Donald Trump sein Amt als neuer US-Präsident antritt. Im Vorfeld des Davoser Treffens haben auch alarmierende Nachrichten über die gewachsene globale Ungleichheit die Runde gemacht. Die acht reichsten Männer der Welt, so brachte es die Entwicklungsorganisation Oxfam auf den Punkt, besitzen mit über 426 Milliarden US-Dollar genauso viel wie die gesamte ärmere Hälfte der Weltbevölkerung. Das sind 3,6 Milliarden Menschen.

Auch wenn die Rechenmethode umstritten ist: Griffiger lässt sich die Absurdität der extremen Ungleichverteilung von Vermögen und Einkommen nicht darstellen. Weltbankberichte beklagen sie jedes Jahr, doch die Menschheit ist nicht in der Lage, Entscheidendes zu verändern. Immerhin, durch das Wachstum der Weltwirtschaft und des Welthandels in den vergangenen Jahrzehnten gelang es, auch die Einkommen der Ärmsten zu steigern, so dass weniger Menschen an Hunger sterben.

Doch der Reichtum der Reichsten wuchs in derselben Zeit exponentiell. Erstaunlicherweise führt dies nun nicht in den ärmsten Regionen der Welt, sondern in den entwickelten Industrienationen zum politischen Umschwung. Dort sind Neid und Unzufriedenheit über die Ungleichheit zu einer tragenden Säule der neuen rechtspopulistischen Bewegungen geworden. "Die soziale Ungleichheit erklärt auch den Aufstieg des Populismus in den USA und in Europa", sagt Marcel Fratzscher, Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW). Ironischerweise haben die Unzufriedenen in den USA einen Milliardär zum Präsidenten gewählt, der seinesgleichen ins Kabinett holt, so dass sich zu der ökonomischen Macht der Reichsten in den USA nun auch die politische gesellt.

Das ist die eigentlich neue Qualität der Entwicklung: Die Unzufriedenheit über die Ungleichheit kommt heute nicht mehr harmlos daher, sondern sie kann gefestigte Demokratien bedrohen, weil sie unberechenbare politische Bewegungen hervorbringt. Im Vorfeld des Davoser Treffens hatte das Weltwirtschaftsforum (WEF) eine Studie veröffentlicht, in der sie genau diesen Zusammenhang zu einem der größten Risiken für die Welt erklärt. Die zunehmend ungleiche Verteilung von Einkommen und Vermögen innerhalb vieler Staaten wird in der WEF-Studie als wichtigster Trend auch in den kommenden zehn Jahren analysiert. Die Macher kommen zu einem für sie erstaunlichen Appell: Die Reform des Markt-Kapitalismus müsse auf die internationale Agenda, fordern sie.

Eine, die in Davos schon vor Jahren für die soziale Marktwirtschaft nach deutschem Vorbild geworben hat, ist die Bundeskanzlerin. Tatsächlich darf man Deutschland, verglichen mit den meisten anderen Ländern der Erde, fast schon als Eldorado der Gleichheit bezeichnen. Weil in Deutschland in einem Ausmaß über das Steuer- und Abgabensystem umverteilt wird, das nur in einigen skandinavischen Ländern noch größer ist, und zudem die Beschäftigung floriert, erreicht die Bundesrepublik im Vergleich zu anderen westlichen Industrienationen in den vergangenen Jahren immer wieder gute Platzierungen, wenn es um die Messung der Einkommensgleichheit geht.

Das gängigste Maß dafür ist der sogenannte Gini-Koeffizient. Liegt er bei null, haben alle Deutschen das gleiche Einkommen, liegt er dagegen bei eins, verdient einer alles und alle anderen nichts. In Deutschland liegt dieser Gini-Koeffizient bei den Einkommen seit 2005 konstant bei 0,29. In den vergangenen zwölf Jahren ist die Einkommensschere dank geringer Arbeitslosigkeit und steigender Löhne nicht weiter auseinandergegangen, was auch der neue Armuts- und Reichtumsbericht bestätigt, den Arbeitsministerin Andrea Nahles (SPD) in diesen Tagen vorstellt.

Anders sieht es bei den Vermögen aus. Hier ist Deutschland in Europa eines der Länder mit dem höchsten Gini-Koeffizienten, hier erreicht er einen Wert von 0,78. Eine Erklärung liegt darin, dass Vermögen hierzulande vergleichsweise geringer besteuert werden. Die Ungleichheit wächst zudem, weil sich die Gesellschaft in Erben und Nicht-Erben spaltet. Zwei Drittel der Hochvermögenden gaben unlängst in einer DIW-Umfrage an, sie seien wegen eines Erbes oder einer Schenkung reich geworden. "Das Problem ist nicht der große Reichtum der Eliten, sondern, dass so viele Menschen praktisch ohne Vermögen und Absicherung da stehen", sagt der DIW-Präsident.

Wer wie Fratzscher ein Problem in der ungleichen Vermögensverteilung sieht, fordert in der Regel höhere Steuern für Reiche, steuerfinanzierte Entlastungen bei den Sozialabgaben für die unteren Einkommen und noch mehr Investitionen in Bildung. Doch Trump, der als Milliardär in den USA von jetzt an die Hebel der Administration in der Hand halten wird, will die Steuern für Unternehmen und für Reiche senken. "Durch den internationalen Steuerwettbewerb erodiert die Möglichkeit, durch Umverteilung im Land für mehr Gerechtigkeit zu sorgen", warnt bereits der Wirtschaftsweise Peter Bofinger.

Auch Großbritannien hat niedrigere Steuern angekündigt. Durch Trump und Theresa May in London droht ein globaler Steuersenkungswettbewerb. "Das nenne ich die Autoimmunerkrankung der Weltwirtschaft", sagt Bofinger. Gegensteuern lasse sich nur mit internationalen Vereinbarungen. "Die EU müsste gemeinsame Mindeststeuersätze festlegen", fordert Bofinger.

(mar)
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