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Düsseldorf: Otto Piene 1928-2014

Düsseldorf : Otto Piene 1928-2014

Auf dem Höhepunkt des Erfolges starb der ZERO-Künstler Otto Piene (86) in Berlin. Er schuf Lichtballette und Skulpturen am Himmel, malte mit Feuer und lehrte am MIT.

Heute Abend werden in Berlin drei Sterne über der Nationalgalerie aufgehen. Sie werden an den erinnern, der sie erschaffen hat und dabei sein wollte. Lichtplastiken von Otto Piene sind es, mit denen der im westfälischen Laasphe geborene ZERO-Künstler dem Traum von einer besseren und weiteren Welt stets ein Stück näher kommen wollte. Die Vorarbeiten hatte der 86-Jährige vor Ort so gut wie erledigt, am vergangenen Mittwoch seine Ausstellung "Die Sonne kommt näher" eröffnet. In einem Taxi unterwegs, ereilte ihn tags drauf ein Herzinfarkt. Der Tod kam überraschend. Die Kunstwelt hat einen ihrer großen Erneuerer verloren, der nach dem Krieg bei null, bei ZERO, neu begann. Der von Düsseldorf aus philosophische, politische und zutiefst menschliche Kunstbotschaften in die Welt setzte.

Piene gehört zur ersten Generation der Nachkriegskünstler, die sich radikalisierte und alles verwarf, was es zuvor in Deutschland gegeben hatte. Die eingerahmten Bilder der Alten Welt interessierten ihn nicht mehr. Otto Piene entdeckte den Himmel als Leinwand. Feuer diente ihm als Pinsel. Luft und Licht waren die Beförderer seiner Ideen. "Licht ist Leben" hat er bis zu seinen letzten Tagen wiederholt. Auch "Licht ist Atem" oder "Licht spielt immer mit". Er war davon überzeugt, dass die Reinheit des Lichts reine Empfindungen hervorrufe.

Piene war zur rechten Zeit an der Düsseldorfer Kunstakademie, von 1950 bis 1953. Dort hatte er mit Joseph Beuys zu tun, mit Nam June Paik, Yves Klein. Er lernte seine späteren ZERO-Gefährten Heinz Mack und Günther Uecker kennen. Das Klima jener Zeit war rau, ein Künstler arm. Aktivistisch musste man rangehen, um Kunst unters Volk zu bringen. In Möbelhäusern und improvisierten Räumen stellten die ZERO-Künstler aus. 1959 fuhr Otto Piene mit Yves Klein und Heinz Mack im VW-Käfer nach Antwerpen, um bei einer Gruppenausstellung dabei zu sein. Düsseldorf war mit seiner Akademie die Geburtsstätte von neuen Strömungen und kantigen Künstlerpersönlichkeiten.

Das Klima der 1950er Jahre war auch kreativ. Piene ging andere Wege als die Freunde aus der nach wenigen Jahren wieder aufgelösten ZERO-Gruppe. Er war kurze Zeit Leiter der Düsseldorfer Modeschule, siedelte 1968 über in die USA, wo er ans Institute of Technology Massachusetts als Professor für Umweltkunst berufen wurde. Dort lebte der Vater von fünf Kindern auf einer Farm mit seiner Frau Elizabeth. Düsseldorf ist immer seine Insel geblieben, sein Atelier hat er behalten und kam regelmäßig auf Besuch in die Landeshauptstadt. In letzter Zeit begegnete man dem heiteren, aufgeschlossenen Mann häufiger im Rollstuhl und erlebte ihn doch zufrieden - den Kopf voller Ideen.

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In fünf Jahrzehnten hat Otto Piene sein Werk breit aufgestellt und stets noch geweitet. In Material, Formaten und Intention ist es einzigartig. Frühe Graphitzeichnungen und Gouachen gibt es von ihm, Rasterbilder, geprägte Bronzen, gezackte Keramikköpfe, geflämmte Rauch- und Feuerbilder mit Blasen und Krusten. Seine Lichtballette setzt er in großen Städten in Szene - das Sky Event (Himmelsereignis) war sein Ding. So trug er die Kunst dahin, wo jedermann sie erleben sollte. Piene nahm ihr das Einschüchternde und bewahrte zugleich das Erhabene. Starke Emotionen löste der mehrfache Documenta-Teilnehmer 1972 mit einem 700 Meter langen Regenbogen über München aus. In Berlin sind derzeit seine bemalten Riesen-Dias zu sehen. Nur im Dunkeln kann man die Performance erleben, sich eins fühlen mit der Kunst. Das war immer Otto Pienes Absicht. "Wege zum Paradies" überschrieb er einen Aufsatz aus der ZERO-Zeit, in dem er erklärte, dass man den Blick weiten müsse, denn "Im Himmel ist das Paradies auf Erden".

Die Kriegstraumata, die Piene als 15-jähriger Soldat davontrug, prägten ihn zeitlebens. Weil in Deutschland immer noch Judenwitze erzählt wurden, wollte er hier nicht mehr sesshaft sein, sagte er einmal. Von daher ist auch sein Streben nach Licht zu verstehen. Dem Dunkel der Bunker und Bombennächte sollte Helligkeit folgen und Farbe. Licht steht für Befreiung.

In den vergangenen Jahren fand das ZERO-Trio wieder zusammen, seine Kunst wurde eine starke, auf dem internationalen Markt neu bewertete Marke. Seit 2008 gibt es eine ZERO-Stiftung in Düsseldorf - alle drei Protagonisten sind Mitbegründer. Mack und Uecker müssen jetzt alleine weitermachen.

(RP)