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Düsseldorf: Obama warnt Mubarak

Düsseldorf : Obama warnt Mubarak

Zehn Minuten dauerte die TV-Ansprache von Ägyptens angeschlagenem Präsidenten Hosni Mubarak am Abend nach der großen Protestkundgebung im Zentrum von Kairo. Kurz darauf klingelte sein Telefon, ein Anruf aus Washington. 30 Minuten redete US-Präsident Barack Obama auf Mubarak ein. Obama sagte nach dem Telefonat, der Ägypter akzeptiere, dass der Wandel nicht aufzuhalten sei. Aber der Amerikaner ließ dabei Enttäuschung anklingen: Mubarak, so das Gefühl in Washington, habe seine letzte Chance auf einen würdigen Abgang vergeben.

Der zunehmend isolierte Mubarak versucht einen Rückzug auf Raten. Bis zu den Präsidentenwahlen im September will er im Amt bleiben, einen Rücktritt lehnt er weiter ab. Diese Sturheit bringt die nicht nur im Weißen Haus gehegte Hoffnung auf einen geordneten und einigermaßen friedlichen Übergang in Kairo erheblich ins Wanken. Denn die revoltierenden Ägypter fordern vor allem eines: den Kopf von Mubarak. Der Präsident soll sofort zurücktreten und dann auch das Land verlassen, wie schon sein Amtskollege Ben Ali in Tunesien. Mit weniger wollen sich die Menschen nicht zufriedengeben. Mubaraks Fernsehrede quittierten die Demonstranten in Kairo mit lauten Buhrufen.

Nun müssen sich die Militärs, die gestern vergeblich zu einem Ende der Proteste aufgerufen hatten, womöglich doch einer Entscheidung stellen, die sie gerne vermieden hätten. Entweder sie drängen den widerstrebenden Mubarak, dem sie ihre Privilegien verdanken, aus dem Amt. Oder sie entschließen sich doch noch zu gewaltsamem Durchgreifen, um die Demonstrationen zu beenden. Letzteres gilt als eher unwahrscheinlich, weil die eingesetzten Truppen einen Schießbefehl wohl verweigern würden. Allerdings ist Blutvergießen nicht ganz auszuschließen, sollten die Demonstranten am Freitag tatsächlich wie angekündigt auf den Präsidentenpalast marschieren. Die 30 000 Mann starke "Republikanische Garde", die den Komplex bewacht, gilt als absolut regimetreu.

Sollte Mubarak abgesetzt werden, spricht vieles dafür, dass die Generäle zunächst das Ruder übernehmen. Ob der von Mubarak hastig zum Vize-Präsidenten berufene Omar Suleiman dabei dann noch eine Rolle spielt, ist sehr fraglich. Auch der enge Mubarak-Vertraute Suleiman gilt vielen Ägyptern als diskreditiert. Als Mann des Übergangs aus den Reihen der Streitkräfte könnte dann Stabschef Sami Enan einspringen.

Wem am Ende die Führungsrolle im bevölkerungsreichsten Land der arabischen Welt zufallen könnte, ist nur schwer vorherzusagen. Die unter Mubarak noch zugelassenen Oppositionsparteien sind schwach oder sogar als Mitläufer des Regimes verschrien. Die einzige Gruppe mit einem gut organisierten Netzwerk sind die Muslimbrüder, die nach Schätzungen Rückhalt bei 20 bis 40 Prozent der Bevölkerung haben. Aber auch sie sind gespalten in radikale und gemäßigte Kräfte und auf eine Regierungsübernahme nicht vorbereitet. Möglicherweise wird in diesem Machtvakuum ein politischer Außenseiter wie der Ex-Chef der Internationalen Atomenergiebehörde, Mohamed El Baradei, zur Führungsfigur.

(RP)