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Bill De Blasio neuer Bürgermeister: New York – superreich und bitterarm

Bill De Blasio neuer Bürgermeister : New York – superreich und bitterarm

Die Welt-Metropole hat einen neuen Bürgermeister gewählt, der vor allem die immer tiefere soziale Kluft in der Stadt überbrücken muss.

York Es ist keine gute Nacht gewesen für Yvette Colón. Abgekämpft sitzt sie am Tag danach in ihrer Mansardenboutique, tiefe Ringe unter den Augen. Bis in die Puppen hat sie telefoniert, getwittert, sich durch Facebook-Seiten geklickt. Irgendwo musste sie einen billigen Saal auftreiben, damit die Teenager ihrer Breakdance-Truppe nicht schon beim ersten Anlauf das Handtuch werfen. Bis jetzt hatten sie ein paar Quadratmeter Parkett zum Üben, über einer Bar, aber dann setzte sie der Manager kurzerhand vor die Tür. "Hört zu, Streiten hat keinen Sinn, denkt bitte positiv", schärfte Yvette Colón den enttäuschten Kids ein.

Die junge Frau will etwas auf die Beine stellen in ihrem Viertel Bushwick, das die New Yorker Bohème zusehends als Underground-Hochburg entdeckt. Früher, da lebten hier im Norden Brooklyns Einwanderer aus Deutschland, Irland, Polen, gab es überall Bierbrauereien. Als 1977 ein Stromausfall nächtlichen Plünderern das Handwerk erleichterte, gingen reihenweise Geschäfte in Flammen auf, da galt Bushwick, nunmehr mehrheitlich bewohnt von Afroamerikanern und Latinos, nur noch als Problembezirk. Dann wurde Williamsburg, ein Stück weiter westlich am East River, populär bei Designern, Musikern und Malern, die vor den explodierenden Mieten der Börsenboomjahre aus Manhattan flohen. Und nun ist Bushwick der neueste Schrei, das Epizentrum der Gentrifizierung, wie Angelsachsen die schleichende Stadtteilveredelung nennen.

New York ist wohlhabender geworden in den letzten 20 Jahren, aber gleichzeitig vertiefte sich auch die soziale Kluft. In der Stadt wohnen einige der reichsten Amerikaner, aber mehr als ein Drittel der New Yorker lebt an der Armutsgrenze. Und etliche hat der Boom schon aus ihrer Stadt vertrieben, die für sie unbezahlbar geworden ist. Lange spielte die Frage der Sicherheit eine wichtige Rolle in der Stadtpolitik oder auch das große Business, dem der bisherige Bürgermeister, Michael Bloomberg, besondere Aufmerksamkeit widmete. Zwölf Jahre regierte der glamouröse Milliardär die Stadt, drückte ein weitgreifendes Rauchverbot durch sowie eine Wiederbelebung von Parks, Grünflächen und Küstenstreifen. Sein Nachfolger, der gestern Nacht gewählt wurde, wird sich dagegen erstmals ernsthaft mit der sozialen Frage befassen müssen.

Yvette Colón spielt Rap-Sprüche vom Band. Die Verse handeln von den Schattenseiten der Gentrifizierung, von Dummheiten, etwa, dass die Medien nur über die Sonnenseiten berichten, als gäbe es nichts als Spaß in Bushwick. Der Rapper ist Johnny, 13 Jahre, Yvettes Sohn. Schüchtern sei er, mit Bühnenauftritten tanke er hoffentlich Selbstbewusstsein, erzählt seine 33-jährige Mutter. Sie lebt allein mit dem Jungen, auch wegen Johnny hat Yvette ihren Teenager-Zirkel gegründet. Sie will verhindern, dass er von Stärkeren auf die schiefe Bahn geführt wird. Und vor allem will sie nicht, dass Johnny nach Brownsville zurückkehren muss.

In Brownsvilles vernachlässigten Sozialsiedlungen, ärmstes Brooklyn, ist der Boxer Mike Tyson aufgewachsen; in seiner Autobiografie "Undisputed Truth" hat er die raue Welt mit ihren Bandenkriegen, ihrem Machokult schonungslos offen beschrieben. Yvette kennt das Milieu, in Brownsville hat sie ihre Kindheit verbracht, als Tochter einer alleinerziehenden Mutter, die aus Puerto Rico nach Chicago übersiedelte, nach kurzer Zeit im Stich gelassen wurde von ihrem Mann und in New York Halt suchte.

Als sie Brownsville endlich verlassen konnte, 2006, begann sich Bushwick gerade zu wandeln. Vor 18 Monaten gründete sie ihre Boutique für Underground-Accessoires, so nennt sie die Kettchen und Gürtel und giftgrünen Sonnenbrillen für ihre hippen Kunden. Yvette Colón wollte teilhaben an der Aufbruchsstimmung, doch es läuft eher schleppend. Die Kreativen, glaubt sie, bleiben lieber unter sich, mit Berlin oder London haben sie mehr am Hut als mit Leuten, die aus Brownsville stammen. "Ich weiß, die Uhr tickt. Keine Ahnung, wie lange ich mir Bushwick noch leisten kann." Noch duldet ihr Vermieter Familien, deren Mieten der Staat subventioniert. Aber was, wenn ihm die Gentrifizierung die Dollarzeichen in die Augen treibt? Wenn er verkauft an einen Immobilienentwickler, der das Gebäude renoviert und beim nächsten Vertrag das Doppelte verlangt? Johnny, sagt Yvette, müsste wieder nach Brownsville, zurück in den Käfig.

(RP)