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Neue Helmut-Kohl-Bücher: Wem gehört die Erinnerung?

Berlin : Neue Kohl-Bücher: Wem gehört die Erinnerung?

Der Auftrieb ist so groß, als wäre der Alte selbst gekommen. Zwei Dutzend Kameraleute scharen sich im Berliner Hotel The Westin Grand um Heribert Schwan und Tilman Jens, die Autoren der Kohl-Biografie mit der bitteren Abrechnung des Altkanzlers mit engen Vertrauten wie Wolfgang Schäuble, Norbert Blüm und Angela Merkel.

Im Mittelpunkt der Buchvorstellung stehen am Ende aber nicht Helmut Kohl und die Frage, warum er so viel Wut auf seine Weggefährten entwickelt hat und welches Kohl-Bild für die Geschichtsbücher bleibt. Vielmehr gerät die Veranstaltung zu einer Rechtfertigung der Autoren, warum sie dieses Buch zum jetzigen Zeitpunkt veröffentlichen.

Heribert Schwan, ehemaliger Redakteur des WDR, war Kohls Ghostwriter und verfasste die ersten drei Bände der offiziellen Kohl-Biografie. Kohl war nie ein Politiker, der selbst dicke Bücher verfasste, daher erzählte er sein Leben, seine Weltsicht und sein Urteil über Mitstreiter. Der Kanzler der Einheit nannte Schwan liebevoll seinen "Volksschriftsteller". Bis zum Vertrauensbruch: Während der vierte Band entstand, sei er von Kohls neuer Frau Maike Kohl-Richter "auf die Straße gesetzt worden", beklagt Schwan. Das war 2009. Mittlerweile hat Kohl gegen Schwan die Herausgabe der Original-Tonbänder gerichtlich durchgesetzt. Aus Schwans Worten wird deutlich, dass es in seiner Auseinandersetzung mit Maike Kohl-Richter um die "Deutungshoheit" über Kohls Kanzlerschaft geht. Bei der Buchmesse heute in Frankfurt wiederum versucht Kohl, zumindest für die Wendezeit die Deutungshoheit an sich zu ziehen: Sein Buch "Vom Mauerfall zur Wiedervereinigung" wird vorgestellt.

Was Kohls "Vermächtnis", so der Titel von Schwans Buch, spannend macht, ist das große Wissen des Autors über Kohls Leben. Er verfügt über Kopien von 600 Stunden Interview mit dem Altkanzler. Zudem durfte er alle Protokolle von Kabinettssitzungen und Staatsbesuchen aus der 16-jährigen Amtszeit einsehen. Selbst Kohls Stasi-Akten sind ihm bekannt. "Ich habe acht Jahre mit dem Mann zusammengelebt", sagt Schwan scherzend angesichts der vielen Interviews.

Schwan sieht sich juristisch und moralisch im Recht, seine Wahrheit über Kohl unters Volk zu bringen. Er weist auch den Vorwurf zurück, er habe Kohls Vertrauen missbraucht. "Ich hätte niemals eine Schweigepflichterklärung unterzeichnet", sagte Schwan. Am Ende der Buchvorstellung bleibt der Eindruck, dass die Gesprächsprotokolle dringend in ein seriöses Archiv gehören, das Historikern verschiedener Denkschulen zugänglich gemacht wird.

(RP)