Mindestens 35 Tote: Neue Gefechte zwischen Indien und Pakistan trotz gemäßigter Töne

Mindestens 35 Tote : Neue Gefechte zwischen Indien und Pakistan trotz gemäßigter Töne

Neu Delhi/Islamabad (rpo). Trotz einer leichten Entspannung der Lage in Kaschmir ist es zwischen den Atommächten Indien und Pakistan zum Jahreswechsel zu neuen Kämpfen und Massakern gekommen. Mindestens 35 Menschen kamen ums Leben.

Zum ersten Mal seit Beginn der Krise bot Indiens Regierungschef Atal Behari Vajpayee Pakistan Gespräche an. Gemäß einem bilateralen Vertrag tauschten beide Länder aktuelle Listen ihrer jeweiligen Atomanlagen aus. Die Truppen beiderseits der Grenze in Kaschmir lieferten sich am Montag und Dienstag Artilleriegefechte. Dabei starben nach Darstellung Indiens acht Pakistaner. Pakistan bestritt dies.

Pakistan hatte auf Druck der USA indischen Forderungen nachgegeben und bis zu 100 mutmaßliche extremistische Moslems festgenommen. Indien sprach daraufhin von einem Schritt in die richtige Richtung. Vajpayee bot Pakistans Militärmachthaber Pervez Musharraf Gespräche über das geteilte Kaschmir an: "Gehen Sie entschieden gegen den Terrorismus vor, und Sie finden Indien bereit, alle Themen durch Dialog zu lösen", schrieb Vajpayee in seiner Neujahrsbotschaft.

Ob es schon in den nächsten Tagen am Rand des Südasiengipfels (SAARC) in Nepal zu einem Treffen zwischen Vajpayee und Musharraf oder ihren Außenministern kommt, blieb aber offen. Indien macht die beiden extremistischen Moslemgruppen Lashkar-e-Toiba und Jaish-e- Mohammed, die ihre Hauptquartiere in Pakistan haben, für den Terroranschlag auf das Parlament in Neu Delhi am 13. Dezember verantwortlich. Vajpayee hatte einen Krieg nicht ausgeschlossen, falls Musharraf nicht gegen diese Gruppen vorgehe.

Nun ließ Musharraf deren Anführer und weitere Kämpfer festsetzen. Indien legte eine Liste mit 20 Verdächtigen vor, die in den Angriff auf das Parlament, eine Flugzeugentführung 1999 und Unruhen in Bombay 1993 verwickelt sein sollen. Pakistan verlangte von Indien erneut Beweise gegen die aufgeführten Personen. "Es ist schwierig, Aktionen auch nur zu erwägen, wenn jegliche Beweise fehlen", sagte Musharrafs Sprecher Rashid Qureshi am Dienstag. Zugleich warf er Indien vor, den massiven Truppenaufbau an der Grenze fortzusetzen.

Der Sprecher des pakistanischen Außenministeriums, Aziz Ahmad Khan, bestätigte unterdessen, die Listen über die Atomanlagen beider Ländern seien über diplomatische Kanäle ausgetauscht worden. Laut Vertrag müssen diese Listen jeweils zu Jahresbeginn aktualisiert werden. Khan sagte, auf pakistanischer Seite sei keine Atomanlage hinzugekommen.

Im Bundesstaat Himachal Pradesh überfielen Rebellen am Dienstag einen Schießstand der Armee und töteten drei Soldaten. In der Stadt Bandipora im indischen Teil Kaschmirs erschossen mutmaßliche Moslemextremisten eine Frau. Bereits am Montag waren bewaffnete Banden in mehrere Häuser eingedrungen und hatten zehn Zivilisten ermordet. Neun Rebellen, ein Soldat und zwei Polizisten kamen bei Schießereien ums Leben. Im indischen Bundesstaat Rajasthan starb ein Mensch durch eine Panzermine.

Trotz der leichten Entspannung nach den Festnahmen in Pakistan traten am Neujahrstag indische Sanktionen in Kraft, die vor allem den Reiseverkehr zwischen den Nachbarländern treffen. Alle Zug-, Bus- und Flugverbindungen sind unterbrochen. Außerdem wird die Stärke der diplomatischen Vertretungen in beiden Ländern halbiert.

(RPO Archiv)
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