Zweijährige Zwangspause: Nach Skandal: "Gorch Fock" segelt wieder

Zweijährige Zwangspause: Nach Skandal: "Gorch Fock" segelt wieder

Nach fast zweijähriger Zwangspause nimmt die Marine die Ausbildung von Kadetten an Bord des Dreimasters wieder auf.

Pessimisten sahen Teile von ihr schon im Museum oder das ganze prachtvolle Schiff traurig auf Butterfahrten tuckern. Stattdessen aber nahm die Marine zehn Millionen Euro für eine Grundrenovierung in die Hand, schneiderte ein neues Ausbildungskonzept, und so hieß es gestern nach knapp zwei Jahren an der Ankerkette wieder "Leinen los" für den Traum aller Windjammerfans — "Leinen los" für die "Gorch Fock".

Nach Todesfällen und einer Beinahe-Meuterei hatte der damalige Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) das Segelschulschiff von der Südspitze Südamerikas nach Deutschland beordert und angesichts von Presseberichten über Missstände und Drangsalierungen den Kommandanten vom Dienst suspendiert. Schilderungen von lebensgefährlichen Befehlen führten zur Debatte über die Zukunft des Dreimasters.

Guttenberg-Nachfolger Thomas de Maizière (CDU) überließ die Klärung der Vorfälle den Fachleuten und unterstützte dann deren Entscheidung, an der Tradition der Offiziersausbildung mit der Nase am Wind festzuhalten. "Vom Greifen zum Begreifen" lautete gestern die Umschreibung des Ausbildungskonzeptes durch den neuen "Gorch Fock"-Kommandanten Helge Risch. Übersetzt für Nicht-Seeleute: Wer die Seile selbst in die Hand nimmt und erlebt, welchen Einfluss Wind und Wetter darauf haben, der wird selbst auch schnell eine Ahnung davon bekommen, worauf es beim Navigieren auf See auch für Verantwortliche auf modernen Schiffen ankommt.

Zudem sollen die angehenden Offiziere an Bord im Gemeinschaftserlebnis erfahren, wie sehr sich jeder bei jedem Handgriff auf den anderen verlassen können muss. Anfang November vor zwei Jahren war es zu einem tödlichen Unglück gekommen, als eine 25-jährige Offizieranwärterin vor der brasilianischen Küste nach langem Flug aus Deutschland offenbar wiederholt in die Takelage geschickt worden und entkräftet abgestürzt war.

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Daraus hat die Bundeswehr zwei Konsequenzen gezogen. Zum einen wurde mit Millionenaufwand an der Marineschule in Mürwik ein Übungsmast installiert, den alle künftigen "Gorch Fock"-Fahrer absolvieren müssen, bevor sie zum ersten Mal am Original üben dürfen. Zudem wurde die Stammbesatzung und insbesondere jeder Ausbilder einem speziellen psychologisch-pädagogischen Training unterzogen. So sollen sie mehr Gefühl dafür entwickeln, wann ein Kadett schlappzumachen droht.

Nach dem Auslaufen aus Kiel nahm die "Gorch Fock" Kurs auf die Kanarischen Inseln. Kurz vor dem Weihnachtsfest sollen die 85 Angehörigen der Stammcrew dort eintreffen und auch ein paar Tage Urlaub in Las Palmas machen können. Danach will Risch die aus der Übung gekommenen, zur Hälfte aber auch neu angeheuerten Seeleute mit dem Schiff "einfahren". Zwar könnte das für schweres Wetter geeignete Schiff das auch in der stürmischsten Ostsee. Doch zum Einüben eignen sich die Gewässer um die Kanaren deutlich besser. Um den 20. Januar herum werden dann die ersten 110 Kadetten eingeflogen, die über die Azoren nach Lissabon segeln werden. In Portugal erfolgt Ende März der Wechsel zur zweiten Kadettencrew, die den Windjammer dann über Madeira nach London bringt. Dem schließt sich die Visite zum Hamburger Hafengeburtstag an, bevor das Schiff für den 18. Mai in Kiel erwartet wird.

Die "Gorch Fock" ist für die Marine identitätsstiftend. Es gibt kaum einen Offizier, der nicht von seinen eigenen Erfahrungen an Bord schwärmt. 15 000 Soldatinnen und Soldaten sind hier schon ausgebildet worden. Und auch Risch diente an Bord bereits als Erster Offizier. Ganz klar, welches Lied er sich gestern zum Auslaufen gewünscht hatte: Als sich Angehörige und Besatzung mit Küssen und Umarmungen für das nächste halbe Jahr verabschiedeten, spielte die Militärkapelle: "I am sailing. . ."

(may-)
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