Analyse Nach dem Taifun: Was Hilfe leisten kann

Düsseldorf · Die Hilfe für die Katastrophenopfer auf den Philippinen kommt ins Rollen, die Spenden fließen. Doch wie wirksam die Arbeit der Retter ist, entscheidet sich meist im Vorfeld. Diese Einsicht hat zu neuen Konzepten geführt.

Die Meteorologen hatten vor dem Mega-Taifun "Haiyan" gewarnt, vor seiner zerstörerischen Kraft und der Geschwindigkeit, mit der er heranzog. Aber das hat nicht viel geändert. Viele Menschen auf den Philippinen erreichte die Nachricht nicht, und viele andere hätten ohnehin nicht gewusst, wo sie sich in Sicherheit bringen könnten. So stürzte der Taifun ganze Landstriche ins Chaos, tötete nach Angaben der UN mindestens 4460 Menschen und machte Hunderttausende obdachlos.

Im Durchschnitt 400 Naturkatastrophen dieser Art treffen die Menschheit jedes Jahr, und meist läuft schnell internationale Hilfe für die Opfer an. Deren Qualität allerdings schwankt. "Die Katastrophenhilfe ist ein Feld, auf dem man viel falsch machen kann und auf dem auch viel schiefgeht", sagt Oliver Müller, Leiter des katholischen Hilfswerks Caritas international. Das liegt zum einen an den meist völlig unübersichtlichen und chaotischen Verhältnissen in den Notstandsgebieten. Manchmal aber auch an falschen Konzepten.

So schießen die Helfer immer wieder in bester Absicht übers Ziel hinaus. Nach dem verheerenden Tsunami, der im Dezember 2004 vor allem Teile Thailands verwüstete, balgten sich am Ende mehr als 2000 internationale Hilfsorganisationen vor Ort, weitgehend unkoordiniert und ohne klare Aufgabenverteilung. Nicht wenige der Freiwilligen, die damals angesichts der dramatischen Bilder zu Zehntausenden ins Einsatzgebiet strömten, fehlte zudem eine passende Ausbildung. Der 2010 während eines Hilfseinsatzes für das Deutsche Rote Kreuz auf Haiti verstorbene Unfallchirurg und Katastrophenhelfer Richard Munz beklagte als Grund dafür ein Imageproblem: Gerade in Deutschland setze man fast ausschließlich auf ehrenamtliche Retter und nicht auf bezahlte Katastrophen-Profis. Es passe eben einfach nicht ins Bild, so Munz, dass die selbstlosen Helden für ihre nicht selten gefährliche und anspruchsvolle Arbeit entlohnt werden.

Ein weiteres Problem besteht darin, dass es bei großen internationalen Hilfsaktionen oft zu einem extrem hohen Einsatz von Mitteln kommt, bei dem sehr viel Geld in sehr kurzer Zeit umgesetzt wird — und dies nicht immer sehr effizient. Nicht selten versickern große Summen in undurchsichtigen Kanälen, zumal die schlecht organisierte Verwaltung in vielen betroffenen Ländern dazu einlädt. So haben die philippinischen Bischöfe die Regierung in Manila bereits dringend zu Transparenz bei der Verwendung der Taifun-Spenden gemahnt. Manilas Weihbischof Broderick Pabillo verwies auf eine Sturmkatastrophe 2009; damals seien Finanzhilfen in Geisterprojekte der Regierung umgeleitet worden. "Wir rufen die Regierung auf, transparent und ehrlich zu sein, weil sonst das ganze Geld nur verschwendet werden könnte", sagte Pabillo. Die katholische Kirche der Philippinen halte ihre Wohlfahrtsorganisationen an, die Mittelverwendung komplett offenzulegen. "Wir ermutigen jeden, das Gleiche zu tun", so der Bischof.

Manchmal ist die Hilfsbereitschaft der Menschen so überwältigend, dass selbst dies zu Problemen führt. So sind Hilfsorganisationen, die unter einem bestimmten Stichwort zur Spende aufgerufen haben, wenigstens in Deutschland dazu verpflichtet, das Geld ausschließlich für das angegebene Ziel zu verwenden. Manchmal wäre es dagegen viel sinnvoller, die Helfer könnten das Geld nach eigener Einschätzung verwenden, wie es den Betroffenen am besten zugute kommt. Die französische Hilfsorganisation "Ärzte ohne Grenzen" fällte 2004 die sehr kontrovers diskutierte Entscheidung, die Spendenaufrufe für die Tsunami-Opfer zu stoppen, als klar wurde, dass man das reichlich hereinströmende Geld kaum würde vollständig vor Ort ausgeben können. Stattdessen bat die Organisation um Spenden für andere, weniger spektakuläre Katastrophen, die zur selben Zeit ebenfalls Opfer forderten. Diese "kleinen" Katastrophen im Aufmerksamkeitsschatten der großen Unglücke bereiten den Hilfsorganisationen die größten Finanzierungssorgen, denn die meisten Menschen spenden nur auf einen unmittelbaren Anlass bezogen.

Ein wichtiges Thema, das wenigstens bei den langfristig vor Ort tätigen Hilfswerken eine große Rolle spielt, ist der Gedanke der Prävention. Experten schätzen, dass jeder Euro, der in die intelligente Vorbeugung von Katastrophen fließt, sieben weitere Euro für die Katastrophenhilfe spart. Das können teure Hightech-Lösungen sein wie Tsunami-Frühwarnsonden im Pazifik, aber oft bringen ganze einfache und billige Maßnahmen am meisten. Da werden in armen Dörfern Getreidespeicher auf Stelzen gestellt, es werden Notfallpläne aufgestellt und Sandsackvorräte angelegt. Damit lässt sich kein Taifun aufhalten, aber seine Auswirkungen auf die Menschen werden gemildert.

Professionelle Katastrophenhilfe berücksichtigt vom ersten Tag an, wenn noch ausschließlich Nahrung und Wasser an die Opfer verteilt werden, den Wiederaufbau. Aus der Vergangenheit weiß man, dass Fluchtbewegungen nicht gefördert werden dürfen, indem man etwa nur wenige zentrale Verteilplätze für Nahrungsmittel einrichtet. Überhaupt ist die Obdachlosigkeit der Opfer häufig das größte Problem. Denn am Ende ist gar nicht die Zahl der Todesopfer entscheidend, sondern die der zu versorgenden Überlebenden. Bei der Tsunami-Katastrophe 2004 kamen knapp 200 000 Menschen ums Leben. Der größte Teil der rund 1,7 Millionen Obdachlosen wurde aber von Familie oder Freunden aufgenommen. Im Jahr darauf starben bei einem Erdbeben in Kaschmir "nur" 85 000 Menschen, aber 3,5 Millionen verloren ihr Dach über dem Kopf — und das vor Wintereinbruch in einer abgelegenen Bergregion. Für die Helfer ein logistischer Alptraum.

(RP)