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Boston: Nach dem Attentat – Boston will stark sein

Boston : Nach dem Attentat – Boston will stark sein

Plakate mit kämpferischen Sprüchen sollen den Menschen Mut machen. Bis die Wunden heilen, wird es aber noch dauern.

Es riecht nach frischem Beton, und damit keiner aus Versehen seinen Fußabtritt hinterlässt, säumen Verkehrskegel die Baustelle. Gummikegel, die halb versengt sind, weil sie in der Nähe standen, als Dschochar Zarnajews Rucksackbombe explodierte und einen kleinen Krater in den Beton des Bürgersteigs riss. Authentische Kegel, auf solche Details legen sie großen Wert an der Boylston Street. Es soll schließlich nicht so aussehen, als wäre hier nie etwas passiert. Einerseits. Andererseits hängt im leeren Schaufenster eines Sportartikelherstellers ein bettlakengroßes Banner. "Boston strong" ("Boston ist stark") lautet der Schriftzug.

Ein Spruch, der einem auf kleeblattverzierten T-Shirts, an den Schärpen von Plüschteddybären oder auf der Anzeige des Linienbusses begegnet, der die Boylston Street hinabfährt. Stark will Boston sein, und an der Ziellinie der Marathonstrecke heißt das vor allem, dass es schnell gehen soll mit der Rückkehr zur Normalität. Eben erst haben Reinigungstrupps die orangefarbenen Striche und Pfeile weggeschrubbt, mit denen die Ermittler die beiden Tatorte markierten. Seit Mittwoch sind die Metallgitter weggekarrt, die die gediegene Einkaufsstraße absperrten. Nun herrscht ein Trubel wie in der Vorweihnachtszeit, als hätten die Bostoner verabredet, zeitgleich zum Ort des Verbrechens zu pilgern. Für Erika Hunt und Mary-Ann Hill ist es genau das: eine heilende Therapie.

Die beiden Verkaufsmanagerinnen haben extra freigenommen, um die Boylston hoch- und runterzulaufen, stundenlang. "Ich hole mir meine Straße zurück, ich nehme wieder Besitz von meiner Stadt", sagt Hunt. "Statt meine Energie darauf zu verschwenden, nach den Motiven der Täter zu forschen, ziehe ich lieber einen Strich unter das Kapitel. Das macht es leichter." Hunt saß mit ihrem Verlobten und einer Freundin in einem Fischrestaurant, während vor der Tür Tamerlan Zarnajews Sprengsatz detonierte. Die Freundin, eine Ärztin, erzählt, sie habe es als ihre Pflicht angesehen, hinauszurennen, um zu helfen, "und das, glaube ich, bereut sie heute". Draußen lag, neben Verletzten mit schlimm zugerichteten Beinen, Martin Richard, der Achtjährige. Das jüngste der drei Todesopfer. Erika dagegen stürmte mit ihrem Verlobten nach unten, ins Souterrain des Restaurants, bevor Sicherheitsleute sie durch den Hinterausgang hinauseskortierten. "Gott sei Dank, ich habe Martin nicht sehen müssen. Ich hätte es nicht verkraftet."

Am Copley Square ist ein provisorischer Schrein entstanden, kaum dass die Boylston Street offen war. Dutzende Sportschuhpaare, an den Schnürsenkeln an Gitterstäbe geknotet. Vier Reihen Baseballkappen, prominent vertreten das Logo des Baseballteams der Red Sox. Ein Bauhelm mit der Aufschrift "Am Ende siegt immer das Gute". Natürlich die Trikolore Irlands, passend zu einer Stadt, die sich als Mekka der irischen Diaspora begreift. Und die Flugblätter des "One Fund". Der Fonds hat über 20 Millionen Dollar an Spenden gesammelt, nicht zuletzt, um Verkrüppelten die Beinprothesen zu finanzieren. Nicht jede Krankenversicherung übernimmt die Kosten in voller Höhe.

"Boston ist stark" — für Judith Wurtman klingt das zu platt. "Wenn wir alle bewundernswerte Bostoner sind, was ist dann mit den Brüdern Zarnajew, die ja auch Bostoner waren? Und bitte erklärt mir, wieso das nicht wieder passieren kann." Robert Rella hat seinen Sohn Jared mitgebracht. Auf die Frage, was mit Dschochar Zarnajew geschehen soll, lacht er kurz und grimmig. Bevor er antworten kann, tut es sein Teenager-Spross. "Auf ein Brett schnallen. Und draufhauen. Und dann noch mal von vorn." Eine Aussage, die sein Vater mit dem Satz kommentiert, der Junge habe den Nagel auf den Kopf getroffen. "Die Todesstrafe — Erschießungskommando, Giftspritze — da käme der Kerl zu leicht davon. Das ginge zu schnell."

Wer weiß, wie viele Bostoner wie die Rellas denken, wahrscheinlich nicht wenige. Andererseits ist dies eine Stadt der Nobelpreisträger, der Spitzenuniversitäten, die bisweilen auf den Rest Amerikas herabschaut, als wäre sie das antike Athen, hoch auf dem Berg über der Bildungsprovinz. Boston, die Aufgeklärte. Boston, die Weltoffene. So eine Stadt will sich nicht nachsagen lassen, sie verliere im Zorn den Verstand. Vielmehr würde sie gern, jedenfalls sagt das Juliette Kayyem, dem Rest Amerikas ein Beispiel geben, wie man auf Terror reagiert. Überlegt, klug, reflektierend.

Juliette Kayyem ist in die Harvard University gekommen, um laut über die "Marathontragödie und ihre Nachwirkungen" nachzudenken, so steht es im Programm. Neben ihr im Debattensaal der Kennedy School sitzt Ed Davis, der Polizeichef, ein Kleiderschrank von einem Mann. Man kann ihn sich gut in Polizeiserien mit robusten Ordnungshütern vorstellen, aber das Äußere täuscht. Davis flüstert fast, als er zu bedenken gibt: "Der einsame Wolf, der seine Anleitungen bei 'Inspire' bezieht, ist nun mal unglaublich schwer zu entdecken." Tamerlan Zarnajew, der einsame Wolf, hat womöglich durch die Lektüre des Online-Magazins von Al Qaida gelernt, wie man Bomben bastelt, zumindest ist es die These des Polizeikommissars. Davis klingt, als wollte er die Stadt auf Wiederholungsfälle vorbereiten, auf eine Art neue Normalität. "Was geschehen ist, ist furchtbar, aber keine existenzielle Gefahr", meint Juliette Kayyem. "Ich bin froh, dass wir Dschochar Zarnajew nicht als feindlichen Kombattanten nach Guantánamo schicken. In diesem Labyrinth dürfen wir uns nicht noch einmal verirren."

Dann erzählt David Hempton, in Harvard der Dekan der theologischen Fakultät, wie es in Belfast war, damals, im Bürgerkrieg. "1972 hatten wir manchmal mehrere Anschläge an einem Tag. Aber klar, das lief nicht live im Fernsehen, das war in Boston natürlich anders." Was der Professor seinem Publikum sagen will, sehr britisch, sehr höflich, durch die Blume: Liebe Amerikaner, ihr seid nicht der Nabel der Welt. "Wissen Sie, was das Hauptproblem war?", fährt Hempton fort. "Junge, unzufriedene Männer, oft arbeitslos. Das sind gefährliche junge Männer."

Vielleicht hilft es, dass Hempton aus Nordirland stammt und Kayyem aus dem Libanon. So ist weniger patriotisches Pathos zu hören, dafür umso mehr sachliche Analyse. Eben Harvard-Niveau.

(RP)