Kiel: Mythos "Gorch Fock"

Kiel : Mythos "Gorch Fock"

Die schmucke Dreimastbark ist das bekannteste Schiff der Deutschen Marine. Auf dem Zehnmarkschein war sie unter vollen Segeln abgebildet, jetzt ziert sie eine 55-Cent-Briefmarke. Doch der Tod zweier Offizieranwärterinnen, Berichte über eine angebliche Meuterei und der Vorwurf sexueller Belästigung gefährden den guten Ruf des Schiffs.

"Deutschlands Botschafterin unter weißen Segeln" und "weißer Schwan der Ostsee" wird die "Gorch Fock" in Marinekreisen gern genannt. Das 1958 in Hamburg vom Stapel gelaufene Schulschiff ist von Beginn an der Star in der grauen Flotte der Deutschen Marine gewesen.

Der unbewaffnete Segler, offiziell als Hilfsschiff Nummer A 60 eingestuft, passte sehr gut in die Philosophie der westdeutschen Nachkriegs-Streitkräfte, die nicht allzu martialisch auftreten wollten. So brach die "Gorch Fock" auch das Eis im Kalten Krieg und war 1974 als erste Einheit der Bundeswehr zu Gast in Polen. Andere politisch heikle Besuche wie in Israel meisterte sie ebenfalls. Beliebt ist die Bark zudem als Plattform für die Bewirtung hoher in- und ausländischer Gäste.

Doch sie fährt nicht nur in diplomatischer Mission: Die Marine bildet ihren Offizier- und Teile des Unteroffiziernachwuchses auf der Bark aus – bis heute 14 500 Soldatinnen und Soldaten.

Das Schiff aus einem anderen Zeitalter ist auch auf dem Meer eine Attraktion. Weiße Segel vor blauem Himmel, Möwen kreischen – die scheinbare Idylle von Seefahrer-Romantik müssen sich die Kadetten mit Schweiß, Schwielen und Muskelkater hart erkämpfen. Alles ist echte Handarbeit auf dem 90 Meter langen Schiff, der Kommandoton laut, die Unterkunft spartanisch: Geschlafen wird unter Deck gemeinsam auf engstem Raum in Hängematten, jeder hat nur einen Spind, der klein ist wie ein Bahnhofsschließfach.

Allein ist man an Bord nie, was besonders bei langen Reisen wie jetzt nach Südamerika erhebliche zwischenmenschliche Probleme aufwerfen kann. Für die angehenden Offiziere heißt es, Rücksicht nehmen und ungefragt mit anzupacken – die Philosophie eines Windjammers, die im Computerzeitalter mehr denn je Gültigkeit habe, hatte Kommandant Norbert Schatz anlässlich des Jubiläums "50 Jahre Gorch Fock" festgestellt. Er sieht sein Schiff als "gute Lebensschule, die charakterbildend ist": Junge Frauen und Männer, frisch von der Schule und als Individualisten erzogen, werden zu Teamarbeitern. "Einer allein kann das Schiff nicht bewegen. Die Kadetten müssen lernen, einander zu helfen, müssen bereit sein, anderen zu vertrauen." Das Schiff sei da nur ein Hilfsmittel. "Stellen Sie sich vor, Sie müssen morgens um vier Uhr raus, die Segel bergen. Es ist dunkel, nass und kalt, das Schiff kämpft gegen die Wellen. Da kann man nur Erfolg haben, wenn alle an einem Strang ziehen – und das wortwörtlich."

Andere Marinen teilen diese Meinung – mehr als 20 große Segelschulschiffe befahren heute noch die Meere. Doch diese Form der Ausbildung ist risikoreich; speziell in den Segeln lauert Gefahr: Bis zu 45 Meter hoch sind die Masten der "Gorch Fock". Beim Auf- und Abstieg sowie beim Hangeln entlang der Rahen ist eine Sicherung nicht möglich. Erst oben direkt an den Segeln kann der Sicherungsgurt eingehakt werden. Unter vollen Segeln liegt die "Gorch Fock" stark schräg im Wind. Dass dann bei schwerer See auch auf Deck ein Besatzungsmitglied über Bord rutschen kann, ist zumindest vorstellbar. Sechs Soldaten sind tödlich verunglückt, zuletzt Jenny Böken und Sarah Lena Seele.

Behutsam würden die Neulinge beim Bordpraktikum an die schwindelnden Höhen gewöhnt, betont die Marine. Vier bis fünf von jeweils 100 Lehrgangsteilnehmern verweigerten dennoch den Aufstieg. Berufliche Auswirkungen habe das nicht, heißt es. Gruppenzwang, die Furcht vor Blamage und die Sorge vor einem Karriereknick wird aber trotzdem manche in die Rahen zwingen, die davor Todesangst haben.

Internet Bilder von der Ausbildung auf der "Gorch Fock" unter www.rp-online.de/politik

(RP)
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