Mörder als Opfer

Mörder als Opfer

Magnus Gäfgen hatte 2002 den elfjährigen Jakob von Metzler entführt und ermordet. Im Polizeiverhör war ihm Gewalt angedroht worden. Daraus schlug der Täter nun Kapital. Opferschützer sind empört.

Düsseldorf/Frankfurt Magnus Gäfgen (36), der in der Haft juristisch examinierte Mörder des elfjährigen Frankfurter Bankier-Sohnes Jakob von Metzler, muss von extremer Selbstsucht und Kaltherzigkeit sein. Das belegen seine grausame Tat im September 2002 und sein Tatmotiv Geldgier. Und das belegt Gäfgens teilweise erfolgreiche Klage auf Zahlung von Entschädigung durch das Land Hessen. Der Täter schlüpft in die Opferrolle – mit der Zivilklage beim Landgericht Frankfurt übrigens nicht zum ersten Mal seit der Verurteilung zu lebenslanger Freiheitsstrafe (mit Feststellung einer besonderen Schwere der Schuld, so dass Gäfgen nicht nach 15 Haftjahren auf Bewährung entlassen werden kann).

Wegen der Androhung, man werde ihm im Polizeigewahrsam schwerste Schmerzen zufügen lassen, falls er nicht endlich den Aufenthaltsort des Jungen preisgebe, hatten zwei hessische Beamte – ein Frankfurter Vize-Polizeipräsident und ein mit dem Verhör befasster Kollege – gegen das Recht verstoßen. Es besteht absolutes Folterverbot. Außerdem legt Artikel 104 Absatz 1 Satz 2 des Grundgesetzes fest: "Festgehaltene Personen dürfen weder seelisch noch körperlich misshandelt werden." Die Beamten erhielten Verwarnungen mit Strafvorbehalt (Paragraf 59 Strafgesetzbuch). Eine Strafkammer billigte ihnen massive mildernde Umstände zu, weil sie bei ihrer Androhung einzig das Leben des Jungen retten wollten. Dass das Kind beim Verhör bereits ermordet in einer Wasserstelle lag, hatte Gäfgen zunächst verschwiegen.

Seine Versuche, aus der Haft heraus durch Klagen vor dem Bundesverfassungsgericht und dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte bestätigt zu bekommen, dass die Verurteilung menschenrechtswidrig gewesen sei, schlugen fehl. Nicht jedoch das seit 2008 betriebene zivilrechtliche Ansinnen, gegen das Land Hessen einen Amtshaftungsprozess zu führen, um für den behaupteten seelischen Schaden einen finanziellen Ausgleich zugesprochen zu bekommen. Statt der geforderten 10 000 Euro Schmerzensgeld billigte ihm das Gericht 3000 Euro Geldentschädigung (ein drittes Institut neben Schadensersatz und Schmerzensgeld) zu. Gäfgen muss vier Fünftel der Prozesskosten tragen.

Zurück zur Tat und zum Tatmotiv des Kindermörders: Der Jurastudent Gäfgen jagte dem schönen Schein nach. Was ihm zum luxuriösen Leben an Mitteln fehlte, wollte er sich durch die Entführung eines Kindes und durch Erpressung dessen wohlhabender Eltern verschaffen. Privatbankier von Metzler und seine Frau zahlten eine Million Euro Lösegeld. Zur Freilassung des Opfers kam es nicht, denn der schnell gefasste Entführer hatte das Kind, das ihn kannte und das ihm deshalb Vertrauen entgegenbrachte, kurz nach der Verschleppung erstickt.

Die Vorsitzende der Opferschutz-Organisation Weißer Ring, Roswitha Müller-Piepenkötter, verglich die Gäfgen zugesprochenen 3000 Euro mit erfolgreichen Klagen von Missbrauchsopfern: Letztere bekämen im Schnitt zwischen 5000 und 10 000 Euro. Die frühere NRW-Justizministerin seufzte: "Wenn ich dann sehe, was Gäfgen bekommt für den kurzen Moment der Angst im Polizeipräsidium. . ." Auch dies gab die Remscheider Juristin zu bedenken: Der Mörder habe die Ursache dafür gesetzt, dass die verurteilten Polizeibeamten in eine Zwangslage gerieten und schuldhaft handelten.

Die hessische Chefin der Polizeigewerkschaft, Heidi Schmitt, befand: "Gäfgen soll sich in seiner Zelle verkriechen und sich damit auseinandersetzen, dass er ein Kind ermordet und eine Familie ins Unglück gestürzt hat." Der innenpolitische Experte der SPD-Bundestagsfraktion, Dieter Wiefelspütz, bezeichnete das Urteil als in Ordnung, wenn das Gericht die Folterandrohung als erwiesen betrachte.

(RP)
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