Mobbing im Netz

Mobbing im Netz

Auf der Internetseite "Isharegossip" machen sich Jugendliche anonym gegenseitig fertig. Eltern und Lehrer, aber auch Polizei und Justiz haben nur wenig Handhabe dagegen.

Berlin Auf der Internetseite "Isharegossip" (übersetzt: Ich verbreite Tratsch) beschimpfen sich Jugendliche gegenseitig aufs Übelste. Die Identität der Opfer wird öffentlich gemacht, oft auch mit Adresse und Handy-Nummer, während die Täter aus der Anonymität heraus zuschlagen. Die Nominierung des hässlichsten Mädchens oder Jungen der Klasse mit Nennung der Schule ist dabei noch eine harmlose Art, wie übereinander hergezogen wird.

"Es gibt keine weiterführende Schule in Deutschland, die nicht Probleme mit Mobbing im Netz hat", sagte der Chef des Philologenverbandes, Heinz-Peter Meidinger, unserer Zeitung. "Wir haben eine Generation von Jugendlichen mit Identität im Netz." Häufig werde im Netz die eigene Identität besonders positiv dargestellt. Dort bloßgestellt zu werden, gehe "massiv ans Selbstbewusstsein der Jugendlichen".

Meidinger wies darauf hin, dass nicht nur Schüler von Attacken aus dem Netz betroffen seien, auch Lehrer würden Opfer. "Isharegossip" sei nur ein besonders krasses Beispiel für Hetze im Netz. Cyber-Mobbing finde auch in vielen anderen Foren statt, in denen Jugendliche sich bewegten. Allerdings ist bei den sozialen Netzwerken Facebook oder SchülerVZ die Hemmschwelle für Mobbing höher, weil nachvollzogen werden kann, woher Lästereien oder Beschimpfungen kommen.

Im Fall der Seite "Isharegossip", die zurzeit täglich tausendfach besucht wird, will die Bundesregierung nun handeln: Jugendministerin Kristina Schröder (CDU) kündigte gestern an, die Internetseite auf den Index zu setzen. "Das ist eine fürchterliche Seite, diese Hetze im Netz ist nicht vergleichbar mit dem dummen Spruch, der auf der Tür in der Schultoilette steht", sagte Schröder.

Bereits Anfang Februar hatte Schröder eine Prüfung der Seite eingeleitet. Gestern wurde sie indiziert. Das heißt, sie wird künftig nicht mehr über die bekannten Suchmaschinen wie Google, Yahoo und Bing auffindbar sein. Die Betreiber haben sich in einer freiwilligen Selbstverpflichtung auferlegt, dass sie jugendgefährdende Seiten nicht mehr anzeigen. Aufrufbar bleibt sie dennoch, da sie von einem ausländischen Anbieter mit Sitz in Lettland betrieben wird.

Die Hetze im Internet kann auch reale Gewalt auslösen, wie Anfang dieser Woche in Berlin geschehen. Ein 17-Jähriger war im Stadtteil Wedding von einer Gruppe Jugendlicher bewusstlos geprügelt worden. Er hatte nur das klärende Gespräch mit zwei Mädchen suchen wollen, die seine Freundin auf der einschlägigen Seite offenbar fertiggemacht haben. Mittlerweile konnte der Junge wieder aus dem Krankenhaus entlassen werden.

NRW-Schulministerin Sylvia Löhrmann (Grüne) betonte, es sei wichtig, dass die Betroffenen nicht allein blieben. "Die Schülerinnen und Schüler sollten sich an ihre Beratungslehrer wenden, die ihnen Hilfestellungen und Beratungsangebote machen", sagte Löhrmann. Für die Schulen in Nordrhein-Westfalen gebe es darüberhinaus Ansprechpartner in allen Bezirksregierungen, die die Schulen beratend unterstützen könnten.

In einigen Schulen haben sich die Klassen gemeinschaftlich gegen die bösartigen Kommentare auf "Isharegossip" gewehrt. Sie haben die Spalte für ihre Schule mit derart vielen unverfänglichen Kommentaren geflutet, dass die Beleidigungen in der Menge einfach untergegangen sind.

Auch die Internet-Branche versucht, gegen die schwarzen Schafe in den eigenen Reihen vorzugehen. "Die deutsche IT-Branche unterstützt Initiativen zum Schutz von Jugendlichen wie den Verhaltenskodex Web 2.0, die Initiative ,Watch your Web' und den kostenfreien Kinderschutz der Homepage Fragfinn.de", sagte der Chef des Branchenverbandes Bitkom, Wilhelm-August Scheer, unserer Zeitung. Führende deutsche Internet-Plattformen sorgten dafür, dass persönliche Daten von Kindern nur für deren Freunde sichtbar seien, und böten Beschwerde-Möglichkeiten, falls ein Kind belästigt werde.

Der Verband Bitkom hatte Anfang des Jahres eine Studie über das Internet-Verhalten von Kindern und Jugendlichen in Auftrag gegeben. Demnach ist jedes sechste Mädchen schon einmal Opfer von sexueller Belästigung im Netz geworden. Jeder dritte Jugendliche erklärte, er habe schon einmal negative Erfahrungen im Netz gemacht. Das Problembewusstsein für die Gefahren des Internets ist bei den meisten Jugendlichen da. So fordern drei Viertel mehr Schutz im Internet, unter anderem mehr Datenschutz und mehr Schutz vor sexuellen Belästigungen. Einer Untersuchung der Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft zufolge ist die Mehrzahl der Opfer von Beleidigungen und Bedrohungen im Netz weiblich.

Wegen der Anonymität der Täter ist die Strafverfolgung von Beleidigungen, Verleumdung und übler Nachrede im Internet schwierig. "Die Polizeibehörden sind mittlerweile hochgradig sensibilisiert für das Thema", sagte der Vorsitzende des Rechtsausschusses, Wolfgang Bosbach (CDU). Für die Beamten sei die Strafverfolgung im Netz aber eine Sisyphus-Arbeit.

(RP)
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