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Fast jedes Fünfte Kind von Armut bedroht: Mit 2000 Euro netto sind Familien arm

Fast jedes Fünfte Kind von Armut bedroht : Mit 2000 Euro netto sind Familien arm

Obwohl in Deutschland die Zahl der Minderjährigen, die von Hartz-IV leben, sinkt, steigt die Zahl von Kindern in Armut. Fast jedes Fünfte Kind ist von Armut bedroht.

Deutschland ist ein reiches Land. Trotzdem wächst die Zahl der Menschen, die in Armut leben. Besonders betroffen sind Kinder. Nach Angaben des Deutschen Kinderhilfswerks leben hierzulande derzeit 2,8 Millionen Kinder in Armut. Jedes fünfte Kind gilt also als arm, 2007 war es noch jedes sechste und 1960 sogar nur jedes 75. Somit ist keine andere Altersgruppe mehr von Armut betroffen als Kinder und Jugendliche.

Eine alarmierende Zahl, findet auch die Bevölkerung. Zwei Drittel der Bundesbürger wären deshalb bereit, mehr Steuern zu zahlen, wenn dafür garantiert sei, dass die Armutsquote bei Kindern sinkt. Das zeigt eine Studie von Infratest Dimap im Auftrag des Kinderhilfswerks. Laut der Studie glauben lediglich zwei Prozent, dass Staat und Gesellschaft sehr viel gegen die Kinderarmut in Deutschland tun.

In Deutschland gilt ein Kind als arm, wenn die Eltern nur 60 Prozent des Durchschnittseinkommens verdienen. "Die Situation hat sich hierzulande nicht verbessert. Ich finde es fatal, große Debatten zu führen, aber nicht den Bedürfnissen von Kindern einkommensschwacher Familien gerecht zu werden", kritisiert Ulrike Mascher, Präsidentin des Sozialverbands VdK.

Unabhängig davon, welcher Partei die Bürger anhängen, wünscht sich mehr als die Hälfte mehr Aktivität vonseiten der Bundesregierung. Die Politik sieht das Problem: "Je reicher ein Land ist, umso größer ist die Verantwortung, kein Kind zurückzulassen. Für mich persönlich gilt: Jedes Kind in Armut ist eines zu viel", sagte Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig (SPD). "Kinder sind arm, wenn ihre Eltern beziehungsweise ihre Familien arm sind."

Neben den möglichen Steuererhöhungen plädieren die Befragten der Kinderhilfswerk-Studie für kostenlose Bücher und Lehrmittel an Schulen. 97 Prozent halten solch eine Form der Unterstützung armer Familien für sehr wichtig. Zudem sollen mehr Fachkräfte und Sozialarbeiter in Schulen eingestellt werden, die sich besonders um benachteiligte Kinder kümmern. Damit halten die Befragten eine Hilfe über indirekte Finanztransfers für die Königslösung, um Kinderarmut zu bekämpfen.

Die Erhöhung des Kindergeldes befürworten beispielsweise 62 Prozent der Befragten, bei der Anhebung des Hartz-IV-Satzes sind es 70 Prozent. In der Bundesrepublik leben laut der Bundesagentur für Arbeit derzeit knapp 1,7 Millionen Kinder in Hartz-IV-Familien.

Marcus Weinberg, familienpolitischer Sprecher der Unionsfraktion, glaubt ebenfalls an die Lehrmittelfreiheit an deutschen Schulen als Instrument, um Kindern einkommensschwacher Familien zu helfen. Allerdings sei die Lehrmittelfreiheit auch bereits an vielen Schulen und in den meisten Bundesländern etabliert. "Aber man sollte die finanziellen Hilfsinstrumente für Kinder in einkommensschwachen Familien stärker bündeln beziehungsweise entbürokratisieren", sagt Marcus Weinberg.

Damit spricht der CDU-Politiker auch einen zentralen Punkt der Kinderhilfsorganisation an. "Wir können mit einer Neuerung der bestehenden Instrumente bessere Wege gehen", sagt Kinderhilfswerk-Präsident Thomas Krüger. Der Chef der Organisation brachte zudem eine bedarfsgerechte Kindergrundsicherung ins Spiel. Die finanzielle Unterstützung aus Instrumenten wie Kindergeld oder den Hartz-IV-Regelsätzen komme bei den Kindern nicht an. "Da kauft man sich auch schon mal lieber einen Fernseher, anstatt das Geld direkt den Kindern zugute kommen zu lassen", kritisiert Thomas Krüger.

Zwar seien Kindergeld und Elterngeld gute Hilfen, verlören aber im Zusammenhang mit Hartz IV ihre Wirkung. Eine entsprechende Kindergrundsicherung solle wie der Hartz-IV-Satz individuell von Kind zu Kind berechnet werden. Was eine solche Berechnung kostet, ließ Krüger offen.

Das Urteil des Bundesverfassungsgerichts 2010 habe gezeigt, wie fehlerhaft die Berechnung des Hartz-IV-Satzes war. Bei einer Kindergrundsicherung solle ein solcher Fauxpas nicht passieren. Damals hatte das Bundesverfassungsgericht verkündet, die Regelsätze für das Arbeitslosengeld entsprächen nicht dem Grundgesetz und seien falsch ermittelt worden. Daraufhin brachte die damalige schwarz-gelbe Koalition das Bildungspaket für arme Kinder auf den Weg.

Vonseiten der Union wird eine Kindergrundsicherung skeptisch gesehen: "Eine Kindergrundsicherung halten wir für problematisch, da sie den Fokus weg von der Familie rückt", sagt Marcus Weinberg. Doch gerade die Familien müssten insgesamt gestärkt werden. "So helfen wir automatisch auch den Kindern."

Als wichtigste Ursache für die hohen Kinderarmutszahlen sieht das Kinderhilfswerk in seiner Studie die hohen Einkommensunterschiede in der Bevölkerung. Damit beschränkt sich die Armut bei Kindern nicht nur auf die Arbeitslosigkeit. Selbst eine Vollzeitstelle reicht bei zwei oder mehr Kindern im Haushalt aufgrund von Tariflöhnen oder untertariflicher Bezahlung nicht immer aus, um die Familie aus eigener Kraft zu versorgen. Niedrige Einkommen durch schwierige Arbeitsverhältnisse sowie die Situation von Alleinerziehenden sind laut der Umfrage die Hauptgründe für fehlendes Geld in den Familien.

Insgesamt 75 Prozent der Befragten glauben zudem, dass Alleinerziehende zu wenig unterstützt werden. Ministerin Schwesig sieht sich bestätigt: "Alleinerziehende tragen das höchste Armutsrisiko: Sie stehen vor der besonderen Aufgabe, alleine den Haushalt zu führen, ihre Kinder auf einen guten Lebensweg zu führen und die wirtschaftliche Grundlage ihrer Familie zu sichern."

(jaco)