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Missbrauch: Alarmierende Schul-Studie

Missbrauch: Alarmierende Schul-Studie

Berlin/Düsseldorf Die Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung, Christine Bergmann (SPD), hat gestern in Berlin die Ergebnisse einer Studie des Deutschen Jugendinstituts zum Missbrauch als erschreckend bezeichnet. Für die Erhebung hatte das Institut rund 1100 Schul-, 325 Heim- und 100 Internatsleitungen befragt. Die Schul- und Kultusministerien der Länder hatten dem zugestimmt. Aus Bayern gab es wegen "datenschutzrechtlicher Bedenken" allerdings keine Antworten.

Von den Kinderheimleitern gaben 80 Prozent an, in den vergangenen drei Jahren mit mindestens einem Missbrauchs-Verdachtsfall konfrontiert worden zu sein. Bei den Internats-Befragten sagten dies 70 Prozent und unter den sonstigen Schulleitern 50 Prozent. Als Verdächtige galten zu vier Prozent Lehrer und sonstige Beschäftigte (an Schulen) und zu zehn Prozent das Heimpersonal. Auch zum Thema "Sexuelle Gewalt von Jugendlichen gegen Gleichaltrige" lieferte das Institut Zahlen: an Schulen 16 bis 17 Prozent der Fälle, in Heimen 38,9 Prozent. In vier von fünf Fällen waren Mädchen die Opfer. 20 Prozent der Verdachtsfälle gegen Betreuer und Lehrer mündeten in arbeits- und strafrechtliche Konsequenzen. 32 Prozent der Verdachtsfälle an Schulen (Heime: 48,5 Prozent) betrafen Missbrauch im privaten, familiären Umfeld.

Bergmann forderte Konsequenzen für die Aus- und Fortbildung von Lehrern, was Vorbeugung gegen Kindesmissbrauch angehe. Da müsse deutlich mehr geschehen, sagte sie. Eine Sprecherin des Düsseldorfer Schulministeriums sagte zu Bergmanns Forderung, in NRW gebe es eine Reihe von Fortbildungsmöglichkeiten für Pädagogen sowie ein Netz von Hilfsbereitschaften bei Anzeichen von sexuellem Missbrauch und anderen Formen von Gewalt an Schulen. In dem Zusammenhang erwähnte die Sprecherin von Ministerin Sylvia Löhrmann (Grüne) Schulpsychologen und -sozialarbeiter oder auch örtliche Fortbildungs-Teams, deren Unterstützung von Schulen und Lehrern bei Bedarf angefordert werden können. Rückmeldungen an das Ministerium über die Häufigkeit solcher Anfragen gebe es jedoch nicht.

Der schulpolitische Sprecher der CDU-Fraktion im Landtag, Thomas Sternberg, meinte, es müsse in der Aus- und Fortbildung von Lehrern künftig viel stärkere Anstrengungen zur Sensibilisierung der Pädagogen geben. Sören Link, SPD-Schulexperte im Landtag, ergänzte, vielen Pädagogen fehle der geschulte Blick für die ersten Anzeichen von Missbrauchshandlungen an und unter Jugendlichen.

(RP)