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Gedenkfeier für Neonazi-Opfer: Merkel: Deutschland trauert

Gedenkfeier für Neonazi-Opfer : Merkel: Deutschland trauert

In einer bewegenden Trauerfeier in Berlin wurde gestern der Opfer der rechtsextremistischen Mordserie gedacht. Die Bundeskanzlerin rief alle Bürger zur Abwehr von Vorurteilen und Ausgrenzung auf: "Für den Triumph des Bösen reicht es, wenn die Guten nichts tun."

Mut zu einem anderen Gedenken haben die Staatsorgane im abgeriegelten Konzerthaus am Berliner Gendarmenmarkt. Ja, es gibt die klassische Musik, wie sie bei Staatsakten üblich ist. Ja, es gibt die wohlgesetzten Worte. Aber es gibt dieses Mal auch viel mehr. Der Staat zeigt, dass ihn die Mordserie der Neonazi-Terrorzelle nicht kalt lässt, dass er mit den Angehörigen trauert, sich selbst von den Mördern getroffen fühlt und auch seine Wut in Worte fasst: "Schande!", sagt die Bundeskanzlerin.

Angela Merkel ist für den zurückgetretenen Bundespräsidenten eingesprungen. Christian Wulff hatte die Integration zum Thema seiner Präsidentschaft gemacht. Es sollte auch seine Gedenkveranstaltung sein. Ein zentraler Punkt in seinem Anliegen war, die Menschen in Deutschland zusammenzuführen. Die von ihm schon vor Monaten ins Schloss Bellevue eingeladenen Angehörigen danken es ihm nun in Abwesenheit. "Wir bewundern ihn", sagt Ismail Yozgat.

Yozgats Auftritt ist nicht geplant. Dass er trotzdem spontan zustande kommt, unterstreicht den Wert dieser Gedenkveranstaltung der Verfassungsorgane mit 1200 geladenen Gästen, allen voran den betroffenen Angehörigen, aber auch vielen, die die Zivilgesellschaft vertreten. Wie sehr Yozgat in Deutschland zu Hause ist, verrät seine lokalpatriotische Korrektheit. Als die Dolmetscherin ihn mit den Worten von "meiner Heimatstadt Kassel" zitiert, fällt er ihr ins Wort: "Baunatal". Yozgats Sohn Halit ist 2006 in seinen Armen gestorben, ermordet von der Zwickauer Neonazi-Zelle in seinem kleinen Internetcafé. 21 Jahre war er, und er hatte sein Leben noch vor sich.

Merkel geht auch auf ihn ein. So wie auf jedes andere der zehn Mordopfer. Schüler haben langsamen Schrittes Kerzen durch das abgedunkelte Konzerthaus auf die Bühne getragen und dort in einer beklemmend langen Reihe aufgestellt. Von zehn Kerzen für zehn Tote spricht die Kanzlerin. Doch es sind zwölf. Die elfte brennt für die vielen anderen Opfer rechtsextremistischer Gewalt. Die zwölfte als Symbol für die Hoffnung, dass die Menschen in Deutschland gemeinsam das Fundament der Verfassung von Staat und Gesellschaft verteidigen, die Menschenwürde.

Die Kanzlerin schildert, unter welcher Qual die Angehörigen viele Jahre standen, wie sie selbst sogar zu Unrecht unter Verdacht gerieten. "Das ist besonders beklemmend", sagt Merkel. Es ist der Anlauf zu einem ganz zentralen Satz der Gedenkfeier: "Dafür bitte ich Sie um Verzeihung." Und sie versichert den Angehörigen, dass ganz Deutschland mit ihnen trauere. Die Morde der Terrorzelle von Thüringen seien "auch ein Anschlag auf unser Land" gewesen.

Sie fordert alle zum Einstehen gegen Vorurteile, Verachtung und Ausgrenzung auf, selbst bei scheinbar harmlosen Bemerkungen. Und zitiert den irischen Denker Edmund Burke: "Für den Triumph des Bösen reicht es, wenn die Guten nichts tun." Auf Bach folgt Rey, auf den deutschen der türkische Komponist. Iris Berben und Erol Sander rezitieren Dichter-Gedanken. Dann geht es ums Gefühl. Mit John Lennons "Imagine" — "stell Dir vor, es gäbe keinen Himmel". Mit der Illusion einer Welt, in der es nichts gäbe, wofür man morden oder sterben müsste. Dass die Verfassungsorgane der Bundesrepublik sich hinter dem Lennon-Song versammeln, gibt auch einen bezeichnenden Blick auf dieses Deutschland frei.

Am Ende greifen die beiden Opfer-Angehörigen Semiya Simsek und Gamze Kubasik zu der zwölften Kerze, die die Hoffnung symbolisiert. Und tragen sie langsam durch den Saal nach draußen, gefolgt von den anderen Angehörigen und den Spitzen des Staates. Viele Gäste haben Tränen in den Augen. Selbst gestandenen Politikern bleibt die Stimme weg. Ein bewegendes Gedenken.

Internet Weitere Fotos von der Trauerfeier unter www.rp-online.de/politik

(RP/jh-)