Massaker trifft den Kern der Nation

Massaker trifft den Kern der Nation

Das reiche Norwegen präsentierte sich gerne als sozialdemokratisches Idyll mit Rundumversorgung. Umso tiefer ist die Erschütterung über das Attentat, das sich gegen das weltoffene Gesellschaftsmodell richtete. Das Land muss sich jetzt fragen, ob sein Selbstbild nicht politisch naiv war.

Oslo/Düsseldorf Vor gut einer Woche, genau fünf Tage bevor Anders Behring Breivik mehr als 70 Menschen ermordete, hatte Norwegens wichtigste Zeitung "Aftenposten" es noch einmal auf den Punkt gebracht: "Wir baden im Wohlstand", lautete die Schlagzeile an jenem Tag, der jetzt so fern scheint nach all dem, was geschehen ist.

Die Norweger weinen um ihre Toten. Aber zugleich trauern sie auch um ein Bild von ihrem Land, von dem sie sich nun trennen müssen. Es ist die Vorstellung von Norwegen als einer friedlichen Idylle, die am vergangenen Freitag in Explosionen und Kugelhagel untergegangen ist. "Annerledes land" – "das andere Land", so haben die Norweger ihre Nation immer gesehen. Da klang immer Stolz mit, ja sogar Trotz und manchmal sogar eine Spur von Überheblichkeit. Ellenbogengesellschaften mochte es anderswo geben, im Wohlfahrtsstaat norwegischer Prägung durfte man sich dem Glück auf Erden näher fühlen als irgendwo sonst auf diesem Planeten. Das Böse schien keinen Platz zu haben in diesem Land; die letzte schlimme Erinnerung war die deutsche Besatzungszeit.

Verkörpert wurde diese Haltung politischer und sozialer Korrektheit durch die allgegenwärtige Sozialdemokratie, die Norwegen ähnlich wie die skandinavischen Nachbarländer in mehr als sechs Jahrzehnten der Alleinherrschaft so tief durchdrungen hat, dass es manchmal schwerfällt, sich diese Staaten ohne sie vorzustellen. Staaten, deren Leistungsspektrum schlechthin alles abdecken sollte: soziale Absicherung natürlich, Renten, Krippen, Pflege und Altersheime. Aber auch Gesundheit, Erziehung, Bildung, Forschung und Kultur. Fast kein Bereich des Lebens sollte ausgespart werden bei dieser allumfassenden Daseinsfürsorge.

In den skandinavischen Nachbarländern ist dieses Volksbeglückungsmodell zuletzt unter Druck geraten, weil es immer schwieriger wurde, es zu finanzieren. In Norwegen dagegen gab es diese Sorge nicht. Die Einnahmen aus dem Geschäft mit Öl und Gas aus der Nordsee sprudeln vorläufig weiter. Und wenn sie eines Tages versiegen werden, dann hat das Land Vorsorge getroffen: Der norwegische Pensionsfonds ist mit einem verwalteten Vermögen von knapp 400 Milliarden US-Dollar der zweitgrößte Staatsfonds der Welt. Die Arbeitslosenrate ist eine der niedrigsten in Europa. Angesichts solcher ökonomischer Eckdaten kann es sich das Land leisten, Gutes zu tun.

Der Friedensnobelpreis wird hier jedes Jahr verliehen. Norwegen engagiert sich international für die Bedürftigen der Welt, für die Menschenrechte und in der Entwicklungspolitik. Es ist eine Tradition, die weit zurückreicht und gerne als norwegischer Markenkern bemüht wird. "Es ist typisch norwegisch, gut zu sein", verkündete 1992 Ministerpräsidentin Gro Harlem Brundtland. Der Satz ist längst zum geflügelten Wort geworden und Brundtland zu einer weiteren sozialdemokratischen Ikone. Am Freitag hatte sie das Sommer-Camp der Parteijugend auf der Insel Utoya besucht, kurz bevor Attentäter Breivik dort ein Blutbad anrichtete.

Wie kaum jemand anders verkörperte die mütterliche Brundtland die typisch skandinavische Konsenskultur und auch die betonte Weltoffenheit des Landes. Für Breivik war sie das Feindbild schlechthin. Als "Landesmörderin" beschimpfte er sie in einem seiner Internet-Einträge, weil sie alle Einwohner mit norwegischem Pass unabhängig von ihrer Herkunft als "echte Norweger" bezeichnet hatte.

Seit den 70er Jahren ist die Zuwanderung ins dünn besiedelte Norwegen mit seinen 4,9 Millionen Einwohnern um das Fünffache gestiegen. Etwas mehr als zehn Prozent der Bevölkerung sind aus dem Ausland eingewandert. Das nährt Überfremdungsängste und hat der rechtspopulistischen Fortschrittspartei in den vergangenen Jahren erheblichen Zulauf verschafft. Die Partei geht mit harter Kritik an Muslimen und der Forderung nach einem Einwanderungsstopp auf Stimmenfang und wurde bei den Parlamentswahlen 2009 zweitstärkste politische Kraft. Breivik, der einige Jahre lang Mitglied gewesen war, war sie nicht radikal genug.

Dass rechtspopulistische Strömungen ausgerechnet auf dem Humus des sozialdemokratischen Wohlfahrtsstaates gedeihen, lässt sich in allen vier skandinavischen Ländern beobachten. Ähnlich wie in Norwegen spielen Rechtsaußen-Parteien auch in Schweden und Dänemark längst eine wichtige Rolle. Zuletzt gelang im April den "Wahren Finnen" ein Erfolg bei der Eroberung des sozialdemokratischen Stammlands, als sie bei den Wahlen zum Parlament in Helsinki 19 Prozent holten.

Sozialwissenschaftler haben Abstiegsängste der Mittelschicht als eine der Ursachen für diesen Rechtsruck ausgemacht. Wenn wie in den skandinavischen Ländern die sozialen Schranken relativ niedrig sind, ist die Sorge vor der Konkurrenz durch traditionell aufstiegsorientierte Einwanderer entsprechend groß. Den schönen Wohlstand will man behalten, aber nicht mit den Neubürgern teilen. Zuwanderer gelten als Schmarotzer, obwohl es sich gerade in Norwegen nicht selten um dringend benötigte Arbeitskräfte handelt.

Dahinter steckt also ein ökonomischer Verteilungskampf, aber nicht nur das. Es ist auch eine Revolte gegen das skandinavische Gutmenschentum, diesen von oben verordneten, häufig naiven Multikulturalismus, die sich da rüde Bahn bricht. Wenn Breivik gegen den "Kultur-Marxismus" der Regierenden wettert, nimmt er Anleihe bei den Parolen der Ultra-Konservativen, die den Verrat am eigenen Volk wittern und oder sogar an der abendländischen Kultur. Sie fordern eine ideologische Rebellion von rechts gegen die sozialdemokratische Moral. Dass aber eines Tages jemand Menschen niedermetzeln würde, um das hochgelobte Gesellschaftsmodell zu treffen – das schien unvorstellbar. Der Spruch, wonach das Gute norwegisch sei, klingt jetzt nur noch bitter.

(RP)