Marokkos ganz eigener Frühling

Marokkos ganz eigener Frühling

Rabat Nach einer Stunde geraten sich die Menschenrechtlerin Khadija Marouazi und der Islamist Aziz Rabbah richtig in die Haare. Todesstrafe abschaffen? Homosexualität erlauben? "Unbedingt", sagt sie. "Niemals", beharrt er. Ihnen hört Entwicklungsminister Dirk Niebel fasziniert zu. "Das wird ein spannender Wahlkampf", sagt der erfahrene FDP-Wahlkämpfer. Marokko wählt am 25. November ein neues Parlament. Der Wahlgewinner soll den Regierungschef stellen.

Für die marokkanische Monarchie ist das revolutionär. Zustande gekommen ist es aber nur am Anfang durch den Druck der Straße. Dann hat König Mohammed VI. selbst den Umbau in die Hand genommen, ein atemberaubendes Reformtempo vorgegeben, 33 Parteien zusammen eine Verfassung ausarbeiten und vom Volk binnen zwei Wochen legitimieren lassen.

Doch die Zweifel wachsen, denn wie in Tunesien sieht es auch in Marokko nach einem Wahlsieg der Islamisten aus. Ob der König das durchgehen lässt? Experten haben Zweifel. Niebel will mit seinem dreitägigen Besuch die Botschaft nach Marokko bringen, doch bitte den Weg zur Demokratie weiterzugehen.

Einer der Islamisten ist Rabbah, Bürgermeister der Kleinstadt Kenitra und Abgeordneter der PJD, der Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung. Was bedeutet es für Marokko, wenn die PJD gewinnt? Kommt dann der Schleierzwang für die Frauen? Wird die Scharia in Marokko Gesetz? Rabbah ist empört über die Fragen aus Deutschland. "Sie sind unsere Gäste, aber ich beantworte die Fragen nicht", sagt er mit zunehmender Lautstärke. Damit werde die PJD ja unter Generalverdacht gestellt. Er habe als Bürgermeister noch keine Frau gezwungen, den Schleier zu tragen. Aber wenn Frauen anfingen, oben ohne herumzulaufen, sei das inakzeptabel. Genauso, wie auf die Todesstrafe selbst dann zu verzichten, wenn ein Massenmörder eine ganze Schulklasse tötet. Und inakzeptabel sei es auch, Homosexualität zu legalisieren. Und die Scharia bestehe nicht nur aus Strafe, sondern auch aus Menschenwürde.

Die Menschenrechtlerin Khadija Marouazi schreibt eifrig mit. In zehn Tagen wollen Nichtregierungsorganisationen eine offizielle Bewertung der Politik von Regierungs- und Oppositionsparteien veröffentlichen. Auch das wäre vor dem "Arabischen Frühling" undenkbar gewesen. Dass Marouazi hinter die Islamisten Fragezeichen setzen wird, ist wahrscheinlich. Am guten Abschneiden der PJD wird es wohl nichts ändern.

Niebel gibt am Ende des Schlagabtauschs zu bedenken: "Wenn Männer oben ohne herumlaufen, ist das nicht zwingend ästhetischer." Rabbah lacht und stellt verschmitzt fest, dass der Minister aus Deutschland offenbar noch konservativer sei als er selbst. Wer von beiden sich nun missverstanden fühlt, bleibt im Rosengarten von Rabat offen.

(RP)