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Malaria - weltweit Killer Nummer eins

Lilongwe : Malaria - weltweit Killer Nummer eins

Jedes Jahr sterben bis zu 1,2 Millionen Menschen an der Infektion. Besonders dramatisch ist die Lage im ostafrikanischen Malawi.

Hilda atmet schwer. Über eine Maske über Mund und Nase pumpen die Ärzte Sauerstoff, über Nadeln an den Händen Infusionen in ihren kleinen Körper. Dennoch hat sie seit Stunden nicht mehr die Augen geöffnet. Am Bett, das sie sich mit einem anderen schwer kranken Kind teilen muss, steht ihre Mutter Esther und kämpft mit den Tränen. Noch hat keiner der Ärzte sich getraut, der Bäuerin zu sagen, wie ernst es um die Vierjährige steht. Doch die Mutter weiß die besorgten Blicke der Ärzte zu deuten. Im ostafrikanischen Malawi fallen jedes Jahr mehrere Tausend Kinder der Malaria zum Opfer - und Hilda könnte bald eine weitere namenlose Zahl in dieser traurigen Statistik werden. Dabei müsste kein Kind an der gut zu verhütenden und gut zu behandelnden Tropenkrankheit sterben.

Nach Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation WHO waren es im Jahr 2013 rund 580 000 Menschen, nach einer Studie der University of Washington fallen der Krankheit jedes Jahr sogar bis zu 1,2 Million Menschen zum Opfer. Mehr als die Hälfte von ihnen sind Kinder unter fünf Jahren, die allermeisten von ihnen leben in Afrika.

Als Hilda von Fieberkrämpfen geschüttelt wurde, ihr ganzer Körper schmerzte, sie abwechselnd schwitze und fror, schrie und einschlief, wickelte ihre Mutter sie in ein Tuch, band sie sich auf den Rücken und marschierte los. Nach zweieinhalb Stunden erreichte die Bäuerin eine Gesundheitsstation. Da hatte das Fieber Hilda schon so geschwächt, dass die Krankenschwestern ihr nicht mehr helfen konnten. Sie riefen einen Krankenwagen, der das kleine Mädchen und ihre Mutter ins Nkhoma-Krankenhaus brachte. Als sie dort ankam, wachte Hilda nur noch selten aus den Fieberträumen auf.

"Malaria ist in unserem Krankenhaus die Haupttodesursache. Vor allem Kinder sind gefährdet. Wenn sie zu spät kommen, können wir manchmal nichts mehr machen", sagt Reymer Ter Haar. Der südafrikanische Arzt leitet das 220-Betten-Krankenhaus, rund 50 Kilometer östlich der malawischen Hauptstadt Lilongwe. Auf den stickigen Fluren zwischen der Tuberkulose-, Ebola- und HIV-Station drängen sich Patienten und ihre Angehörigen, überall schreien Babys. In der Kinderstation wird rund die Hälfte der jungen Patienten wegen Malaria behandelt, nicht nur Hildas Bett ist doppelt belegt. "Vor kurzem war es hier noch ziemlich leer, aber jetzt, zum Ende der Regenzeit, lässt die Wirkung der Insektizide, mit denen die Häuser behandelt wurden, nach, und die Zahl der Malariaerkrankungen steigt sprunghaft an", sagt Reymer Ter Haar.

"Malaria ist in Malawi der Killer Nummer Eins. Dabei wären die meisten Todesfälle vermeidbar", sagt Geometry Kachepa. Er koordiniert die Projekte der Hilfsorganisation World Vision zur Malaria-Prävention in Malawi. "Unsere Regierung konzentriert sich vor allem auf die Behandlung der Krankheit. Dabei wäre es doch viel besser und billiger, mehr in die Vorsorge zu investieren", meint der Entwicklungshelfer.

95 Prozent der rund 16 Millionen Malawier leben in Malaria-gefährdeten Gebieten. Auch wenn mittlerweile rund die Hälfte von ihnen unter Moskitonetzen schläft, gibt es in dem südafrikanischen Land nach Schätzungen jedes Jahr rund 4,9 Millionen Erkrankungen. Vor allem Kinder und schwangere Frauen sind gefährdet. Doch im ganzen Land geht die Zahl der Malaria-Fälle seit 2009 zurück. Auch im Nkhoma-Krankenhaus. Wurden auf der Kinderstation im Jahr 2012 noch 4393 Jungen und Mädchen wegen Malaria behandelt, waren es im Jahr 2014 nur noch 2141.

Das ist unter anderem das Verdienst von Mike Pezemmawa. Mit Fahrrad und Motorrad ist der Mitarbeiter der Diamphwe-Gesundheitsstation fast täglich unterwegs, um Bauern immer und immer wieder zu erzählen, dass sie ihre Häuser mit Insektengift behandeln lassen, dass sie unter Netzen schlafen und bei den ersten Anzeichen von Malaria sofort eine Gesundheitsstation aufsuchen sollen. Für insgesamt 17 306 Menschen, die in 171 Dörfern leben, ist er mit seinen Kollegen zuständig. Vor allem am Anfang schlug ihm Misstrauen entgegen.

"Zunächst dachten einige von uns, dass die Regierung die Netze verteilt, damit wir weniger Kinder kriegen. Denn wenn ein Ehepaar unter einem Netz schläft, wird es nachts weniger von den Mücken geweckt. Und wer schläft, hat keinen Sex", sagt Noel Banda. Mittlerweile weiß der 31-Jährige, der mit seiner Frau Rosette zwei Söhne hat, den ungestörten Schlaf unter den mit Insektiziden imprägnierten Maschen zu schätzen und hat auch andere Dorfbewohner überzeugen können, dass Malariaverhütung nicht gleich Empfängnisverhütung ist.

Dennoch ist Pezemmawas Job oft frustrierend. Denn viele Dorfbewohner haben keine oder nur kaputte Netze. Und wenn sie - so wie der Malaria-Aufklärer es ihnen eingebläut hat - bei den ersten Malaria-Symptomen zu seiner Gesundheitsstation kommen, muss er ihnen oft sagen, dass er mal wieder weder Malaria-Schnelltests noch Medikamente hat. "Ich habe bestimmt vier, fünf Monate im Jahr keine Medizin, weil die Regierung einfach keinen Nachschub liefert. Dabei sind es auf einer asphaltierten Straße gerade mal 45 Kilometer bis zum zentralen Lager in der Hauptstadt Lilongwe", schimpft der 43-Jährige.

Weil es in weiter abgelegenen Gesundheitsstationen noch häufiger zu Lieferengpässen kommt, hat die vom ehemaligen US-Präsidenten George W. Bush gegründete "President´s Malaria Initiative" vor knapp fünf Jahren ein eigenes Distributionsnetz für Malaria-Medikamente aufgebaut.

Pezemmawa befürchtet, dass manche Kranke wegen der Lieferprobleme bald erst gar nicht mehr zu seiner Gesundheitsstationen kommen, sondern sich lieber einem traditionellen Heiler anvertrauen. Ihr Vorrat an weitestgehend wirkungslosen Mittelchen und Pülverchen geht nie zu Ende. Das weiß auch Krankenhausleiter Ter Haar. Viele der Patienten, die mit Malaria im fortgeschrittenen Stadium in sein Krankenhaus kommen, weisen Narben auf, die durch die Klingen der traditionellen Heiler verursacht wurden. Mit Schnitten versuchen sie zu heilen, was mit Schnitten nicht zu heilen ist.

"Für uns Schulmediziner ist es sehr schwer, mit ihnen zusammenzuarbeiten. Wir haben einfach eine komplett unterschiedliche Denkweise. Da es ein Eingeständnis ihrer eigenen Machtlosigkeit wäre und die Heiler an der unwirksamen Behandlung von Malaria-Patienten gut verdienen, haben sie zudem kein Interesse, die Malaria-Opfer an richtige Ärzte zu überweisen", sagt der Mediziner.

Er wünscht sich, dass die malawische Regierung und auch die internationalen Hilfsorganisationen ihren Schwerpunkt von der HIV-Bekämpfung auf Anti-Malaria-Programme verlegen. "Weil HIV auch Menschen in Europa und Nordamerika betrifft, wird dafür mehr Geld zur Verfügung gestellt. Ich will das Aids-Problem in Malawi nicht kleinreden. Aber das größte Problem hier ist Malaria. Ihre Bekämpfung sollte an erster Stelle stehen", sagt der Arzt. Für die um ihr Leben kämpfende Hilda könnte diese Forderung zu spät kommen.

(RP)