Woran die deutsche Gesellschaft krankt: Männer - die wahren Kinderverhinderer

Woran die deutsche Gesellschaft krankt: Männer - die wahren Kinderverhinderer

Woran krankt die deutsche Gesellschaft? Am Verhältnis von jung und alt, an der Konkurrenz zwischen den Generationen? Am Egoismus der Männer, meint unser Autor. Er blockiere nicht selten die Gründung von Familien.

Elternschaft wird in Deutschland einseitig als Geschichte über Frauen erzählt. Wieder und wieder wird heimlich oder offen den Frauen die Verantwortung dafür in die Schuhe geschoben, dass weniger Kinder geboren werden, auch in der Wissenschaft.

Das ist viel bösartiger und frauenfeindlicher, als es unsere mit Gender-Sprech (liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger) geölte öffentliche Rede ahnen lässt. In Wahrheit sind die Männer die Verhinderer von Kindern. Das ist keine Frauenversteher-These, sondern empirisch belegbar.

Frauen halten den Kopf hin

In der Einleitung der jüngst vorgestellten Studie "Geburtentrends und Familiensituation in Deutschland" des Statistischen Bundesamtes werden auf eineinhalb Seiten 15-mal Frauen erwähnt, zehnmal fällt der Begriff Familie — und nur einmal der des Vaters: Die Rolle der Männer wird immer nur mitgedacht, also auch weggeschwiemelt. Dabei belegen die gleichen Studien, dass Frauen Kinder wollen und willens sind, für ihre Elternschaft erhebliche Risiken zu tragen. Faktisch tragen sie diese später ohnehin, und zwar nicht in einem blumig-ideellen Sinn, sondern handfest sozial und ökonomisch.

Laut der Prognos-Studie "Geburten und Kinderwünsche in Deutschland", die im Auftrag der Bundesregierung erstellt wurde, wünschen sich deutsche Frauen im Schnitt 1,75 Kinder, deutsche Männer nur 1,59 Kinder. Was wie ein leichter gradueller Unterschied aussieht, ist in Wahrheit im europäischen Vergleich die dramatischste Differenz zwischen der Kinderwunsch-Kennziffer bei Männern und Frauen: Den deutschen Männern ist so wenig nach Kindern zumute wie nirgends sonst bei ihren europäischen Geschlechtsgenossen. Die Frauen aber richten ihr Leben auf die Elternschaft ein.

Meistens fängt die Frau die Kinder auf

Scheitern Beziehungen mit Kindern, landen die Kinder zu mehr als 90 Prozent bei den Müttern — sie sind es, die lebenslang bei den Kindern bleiben, Armut als Alleinerziehende inbegriffen. Frauen stellen sich auch viel klarer als Männer auf die Anforderungen ein, die ein Leben mit Kindern stellt. Der Großteil der Frauen in Deutschland, so heißt es in der Prognos-Studie, verfolge einen "adaptiven Lebensentwurf", das heißt, die Frauen möchten die Balance zwischen Beruf und Familie herstellen. "Nur eine kleine Minderheit der Frauen ist ausschließlich berufs- oder familienorientiert", heißt es weiter.

Doch diese Frauen, die familienorientiert fühlen und planen, treffen in Deutschland auf Männer, die Familie nur als Zugeständnis betrachten: In Deutschland, so heißt es bei Prognos, "ist die aus dem bürgerlichen Familienmodell entstammende Rolle des männlichen Ernährers weiterhin der dominante Lebensentwurf junger Männer". Diese Männer wissen sehr wohl um die Anforderungen des Vaterseins, aber sie zucken davor zurück: Die Forscher gehen davon aus, dass sich "die gestiegenen Ansprüche an Vaterschaft negativ auf die Bereitschaft zur Familiengründung auswirken, da die Männer befürchten, den gesteigerten Ansprüchen nicht gerecht zu werden". Heißt im Klartext: Männer scheuen schlicht die Mühe, ein Vater zu sein.

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Verräterische Sprache

Die simple Wahrheit, dass zur Entscheidung für Elternschaft immer Mann und Frau gehören, ist in der Debatte über ausbleibende Elternschaft ein blinder Fleck. Warum Männer keine Kinder wollen, wird weder großartig erwähnt noch ausreichend erforscht. "Zu Kinderwünschen von Männern besteht in der Tat noch weiterer Forschungsbedarf", sagt Christina Boll, Forschungsdirektorin am Hamburgischen Weltwirtschaftsinstitut.

Stattdessen konzentriert sich die gesamte Sprache der Forschung auf die Frau: Geburtenverhalten der Frau, Geburtenfolge der Frau, Kinderlosigkeit von Frauen — nur drei Formulierungen aus der erwähnten Einleitung der Studie des Statistischen Bundesamtes.

Besonders lügnerisch ist die Wendung vom "Geburtenverhalten der Frauen" — verhalten sich allein Frauen, wenn es um Geburten geht? Wenn irgendwann Außerirdische im menschenleeren Deutschland Studien über Kinderschwund lesen, dann werden sie folgern: Menschenfrauen waren eingeschlechtlich. Arme Aliens. Man ahnt schon deren Debatten: Der Mensch — vielleicht doch zweigeschlechtlich?

Viele sind auf dem Verantwortungsauge blind

Auf der Erde jedenfalls wissen die Frauen, was auf sie zukommt, wenn sie sich für Kinder entscheiden. In der Prognos-Studie heißt es dazu: Insbesondere Mütter erwarten hinsichtlich ihrer Möglichkeiten, "das zu tun, was sie möchten, eine deutliche Verschlechterung ihrer persönlichen Situation". Vereinfacht gesagt: Frauen wollen Mütter sein — und wissen, dass man dann nicht mehr machen kann, was man will. Männer wissen das nicht: "Die meisten Väter", so die Studie, "gehen dagegen von einer unveränderten Handlungsfreiheit aus." Männer lassen sich also nicht weiter stören von ihren Kindern und glauben an die Letztzuständigkeit der Frau, wenn es um Kinder geht.

Das ist das Deutschland der Kinderlosigkeit: Frauen, die Familie und Beruf miteinander vereinbaren wollen, die bereit sind, Risiken und Verantwortung zu tragen, und die wissen, dass man mit Kindern zurückstecken muss, treffen auf Männer, die nicht wirklich Väter sein wollen. So verlieren sich dann auch Kinderwünsche bei Frauen.

Wir reden über die Falschen — über Frauen wissen unsere Statistiker genug. Es sind die Männer, die zu feige oder zu bequem oder zu grob gestrickt sind für das wundervolle, anstrengende, feine, überraschende, überreich beglückende Abenteuer Kind.

Hier geht es zur Infostrecke: Die Geburtenzahlen im Wandel der Zeit

(RP)
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