Düsseldorf: Libyen: Nato bombt Rebellen Weg frei

Düsseldorf: Libyen: Nato bombt Rebellen Weg frei

Die Verbände der Aufständischen sind auf dem Vormarsch, stehen kurz vor Gaddafis Geburtsstadt Sirte. Doch ihre Erfolge verdanken die Gegner des Diktators vor allem dem Eingreifen westlicher Kampfjets. Schon kritisiert Moskau, dass die Allianz im Bürgerkrieg unzulässig Partei ergreife.

Bengasi, Adschdabija, Brega, Bischer, Ras Lanuf, Bin Dschawad und vielleicht bald schon Sirte, die Geburtsstadt von Muammar al Gaddafi: Wie Dominosteine fallen die Städte an der Mittelmeerküste an die libyschen Rebellen zurück. Die können ihr Glück kaum fassen. Erst vor wenigen Tagen hatten sie sich unter schwerem Artilleriefeuer und im Bombenhagel der Gaddafi-Luftwaffe in wilder Flucht in ihre ostlibysche Hochburg Bengasi zurückziehen müssen. Jetzt rasen sie in ihren mit Parolen beschmierten und mit Flugabwehrgeschützen bestückten Toyota-Pickups die Küstenstraße in umgekehrter Richtung entlang, nach Westen. Ziel: Tripolis.

Der Krieg in Libyen hat erneut die Richtung gewechselt, aber das ist nicht das Verdienst der bunt gescheckten Truppe, die da gegen den Diktator zu Felde zieht. Es sind vorwiegend junge, militärisch völlig unerfahrene Männer, ausgerüstet fast ausschließlich mit leichten Infanteriewaffen, ein paar erbeuteten Raketenwerfern und schweren Flugabwehr-MGs. Damit sind sie den mit Haubitzen, Kampfpanzern und moderner Kommunikationstechnik ausgerüsteten Truppen Gaddafis hoffnungslos unterlegen.

Prompt scheiterten die Rebellen bei dem Versuch, die rund 150 Kilometer südlich von Bengasi gelegene Stadt Adschdabija im Alleingang zurückzuerobern. Zwei Dutzend Panzer, eine Handvoll Geschütze – mehr brauchte Gaddafi nicht, um den strategisch wichtigen Ort eine Woche lang gegen den Ansturm der schlecht organisierten Angreifer zu verteidigen. Ihre Verbände stünden vermutlich noch heute dort, wenn nicht britische "Tornado"-Kampfjets in der Nacht zum vergangenen Samstag das schwere Gerät des Diktators mit gezielten Bombardements ausgeschaltet hätten.

Der Siegeszug der Rebellen Richtung Tripolis, er ist nur durch die massive Schützenhilfe der westlichen Militärallianz möglich. Ihre Konvois stießen zuletzt über Hunderte Kilometer praktisch kampflos nach Westen vor, an ausgebrannten Panzerwracks und zerbombten Stellungen der Gaddafi-Armee vorbei. Die Nato-Jets haben hier ganze Arbeit geleistet, und sie machen weiter. Allein in der Nacht zu gestern flogen alliierte Flugzeuge 110 Einsätze, darunter 75 Angriffe auf Munitionslager, Flugabwehrstellungen und Bodentruppen.

Die Luftangriffe haben Gaddafis Truppen den Vorteil ihrer schweren Waffen genommen. "Wir kämpfen jetzt fast mit den gleichen Waffen, nur dass wir Grad-Raketen haben und sie nicht", sagte der zu den Rebellen übergelaufene General Hamdi Hassi knapp hinter der Front, die gestern rund 120 Kilometer von Sirte entfernt lag. "Ich denke, die nächste große Schlacht wird in al Wadi al Ahmar sein, weil es der Eingang nach Sirte ist", sagte ein 31-jähriger Kämpfer, Suleiman Ibrahim. "Wir erwarten einen großen Kampf um Sirte, aber wir werden gewinnen, so Gott will. Das hätte nicht ohne die Nato geschehen können, sie haben uns große Unterstützung gegeben."

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Zwar gibt es offiziell keinerlei taktische Absprachen zwischen den Rebellen und den westlichen Militärs, aber dessen bedarf es auch gar nicht. Die Aufklärung mit Flugzeugen und Satelliten ist lückenlos; die französischen, britischen und amerikanischen Offiziere wissen meist schon lange vor den Aufständischen, wo der nächste Zusammenstoß mit Gaddafis Truppen stattfinden wird. Politisch wird das Zusammenwirken auf dem Schlachtfeld jedoch allmählich heikel. Denn die UN-Resolution erlaubt die Angriffe nur zum Schutz der Zivilbevölkerung vor Gaddafis Truppen. Schon hagelt es erste Vorwürfe, die Nato überschreite ihre Kompetenzen. Russland, das sich wie Deutschland bei der Abstimmung über die Libyen-Resolution im UN-Sicherheitsrat der Stimme enthalten hatte, warf der Allianz vor, mit den Angriffen Partei für die Rebellen zu ergreifen. "Wir sind der Auffassung, dass die Intervention der Koalition in einen De-facto-Bürgerkrieg nicht von der Resolution des Sicherheitsrates gedeckt ist", sagte Außenminister Sergej Lawrow.

Doch die westlichen Militärstrategen sind sich bewusst, dass der Sturz Gaddafis für ihre Regierungen praktisch ohne Alternative ist. Und so dürften sie den "Schutz der Zivilbevölkerung" bei der Einsatzplanung für ihre Kampfjets auch in Zukunft sehr weit auslegen und systematisch jede größere Truppenkonzentration des Diktators angreifen lassen. Dahinter steckt das politische Kalkül, dass das Regime von den Aufständischen und damit den Libyern selbst beseitigt wird.

Die Rebellen erhielten unterdessen neben militärischer Schützenhilfe auch wichtige diplomatische Rückendeckung. Einen Tag vor der heute in London beginnenden internationalen Libyen-Konferenz mit 35 Teilnehmerstaaten erkannte der Golfstaat Katar als erster arabischer Staat gestern die Aufständischen als "einzig legitime Vertretung des libyschen Volkes" an.

Internet Die UN-Resolution für Libyen unter www.rp-online.de/politik

(RP)
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