Thema: Einwanderung: Lernen von Kanada - wie Einwanderung einem Land nützt

Thema: Einwanderung : Lernen von Kanada - wie Einwanderung einem Land nützt

Die Kanzlerin war am Montag in dem nordamerikanischen Land. Heute informiert sich der SPD-Fraktionschef dort über Einwanderungspolitik.

Deutschland und Kanada kann man in Sachen Bevölkerung eigentlich nicht vergleichen. In dem nordamerikanischen Land kommen 3,4 Einwohner auf einen Quadratkilometer. In Deutschland liegt die Bevölkerungsdichte bei 226 Einwohnern pro Quadratkilometer. Dennoch haben beide Länder verblüffend ähnliche Probleme bei den Fachkräften: Es fehlen IT-Spezialisten, Pflegekräfte und im Handwerk der Nachwuchs.

Kanada war schon immer ein Einwanderungsland. In Deutschland bekennt man sich erst seit der Jahrtausendwende dazu. Mittlerweile rangiert die Bundesrepublik in Sachen Zuwanderung weltweit sogar auf Platz zwei hinter den USA und vor Kanada. Jeder fünfte Bürger ist zugewandert oder hat ausländische Wurzeln. Bei den unter Fünfjährigen ist es sogar jeder Dritte.

In Deutschland gibt es derzeit ein gesteigertes Interesse an der kanadischen Einwanderungspolitik, die weltweit als vorbildlich gilt. Die Kanzlerin sprach während ihres Besuchs beim kanadischen Premier Stephen Harper über das Thema Einwanderung. In der CDU ist die Frage umstritten, ob Deutschland ein Einwanderungsgesetz braucht. Die SPD hingegen ist dafür und will bis Anfang März ein Positionspapier für ein Einwanderungsgesetz vorlegen. SPD-Fraktionschef Thomas Oppermann bricht heute für drei Tage nach Kanada auf. "Ich will mich über die Vor- und Nachteile des kanadischen Systems, das gerade neu justiert wurde, informieren", sagt er. Geplant ist ein Treffen mit dem dortigen Einwanderungsminister Chris Alexander.

Trotz des enormen Zuzugs nach Deutschland bleibt das Bekenntnis zum Einwanderungsland Deutschland bislang halbherzig. Auf der Internetseite des Auswärtigen Amtes heißt es: "Deutschland ist nach wie vor kein klassisches Einwanderungsland, das wie die USA, Kanada oder Australien jährliche Einwandererquoten festlegt." Möglicherweise liegt in diesem Bekenntnis der Schlüssel für eine bessere Einwanderungspolitik.

Die Kanadier legen positiv fest, wie viele Menschen in ihr Land kommen und über welche Qualifikationen sie verfügen sollen. Je dringender eine Arbeitskraft gebraucht wird, desto höher ist ihre Chance, die begehrte blau-weiße Karte zu ergattern.

In Deutschland hingegen geht es bei der Einwanderungspolitik immer noch um Begrenzung. Nun sind die Kanadier anders als die Deutschen nicht in eine EU-Freizügigkeit eingebunden, die erwünschte und weniger erwünschte Zuwanderer mit sich bringt. Sie haben auch kein Grundrecht auf Asyl, das Deutschland allein im vergangenen Jahr rund 200 000 Neuankömmlinge brachte.

Doch unabhängig von diesen Umständen kann Deutschland von Kanada lernen. Das System dort ist vor allem eines: flexibel. Das vielgerühmte Punkte-System für Qualifikation, Sprache und schon in Kanada lebende Verwandtschaft, nach dem Zuwanderer ausgewählt werden, wird immer wieder an die Bedürfnisse des Landes angepasst, zuletzt zu Beginn dieses Jahres.

Die jüngste Reform sorgte dafür, dass vor allem der Nachweis für einen Arbeitsplatz und Sprachkenntnisse den Ausschlag für eine Einwanderungsgenehmigung bringen. Die Wirtschaft wählt noch gezielter als bisher die gewünschten Kräfte aus. Damit haben die Kanadier im Vergleich zu ihrem herkömmlichen Punktesystem den Zugang zu ihrem Land enger gemacht. In Deutschland sind die Hürden allerdings noch höher: Die Höhe des Gehalts, die Branche und die mitunter verzwickte Anerkennung der Abschlüsse spielen auch eine Rolle.

Für junge Menschen, die nach Deutschland kommen wollen, ist die Sachlage, wer unter welchen Umständen bleiben darf, kaum zu durchdringen. "Es gibt 50 verschiedene Aufenthaltstitel. Kaum einer - und schon gar kein potenzieller Einwanderer - blickt da durch", kritisiert Oppermann. Auf den Internet-seiten der kanadischen Regierung können Einwanderungswillige hingegen ihre Chancen mühelos checken. "Wir sollten Kriterien festlegen, mit denen wir flexibel auf unseren jeweils aktuellen Bedarf reagieren können", sagte Oppermann schon vor Antritt seiner Reise nach Kanada.

(qua)