Lehrmeister der Wahrheit

Lehrmeister der Wahrheit

Mit einem intellektuell wuchtigen Plädoyer für einen freiheitlichen Rechtsstaat auf christlichen Grundsätzen begeistert der Papst im Deutschen Bundestag. Im Kern ging es ihm um das Abrücken von christlichen Glaubenssätzen – vor allem in Europa.

berlin Die kleine Panne kurz vor Beginn der historischen Papst-Rede im Bundestag passt gut in die verirrte Debatte der vergangenen Tage, die Misstöne, die dem Oberhaupt der katholischen Kirche von einem Teil der deutschen Bevölkerung entgegenschlugen. Benedikt XVI. geht versehentlich zum Rednertisch des Bundestagspräsidenten statt zum Rednerpult in der Mitte des Plenums. Parlaments-Chef Norbert Lammert weist ihm den Weg. Was das Kirchenoberhaupt dann in nur 20 Minuten "als Landsmann" folgen lässt, gehört wohl zu den intellektuellsten und anspruchsvollsten Reden, die je im Deutschen Bundestag gehalten wurden.

Der Papst legte eine Art Grundsatzprogramm für einen freiheitlich organisierten Rechtsstaat vor, der aus einem christlichen Wertefundament heraus zerstörende Elemente wie Machtgier, Intoleranz und Ungerechtigkeit vermeidet.

Gleich zu Beginn ermahnt er die Politiker. Erfolg und materieller Gewinn dürfe nie der Maßstab für Politik sein. "Erfolg kann auch Verführung sein und so den Weg auftun für die Verfälschung des Rechts und die Zerstörung von Gerechtigkeit." "Die Politik muss Mühen um Gerechtigkeit sein und so die Grundvoraussetzung für Friede schaffen." Selten hat man die Parlamentarier so nachdenklich gesehen. Der Papst spricht fast leise, meidet die große Geste. Seine Worte entfalten die nötige Wucht. Er zitiert den Heiligen Augustinus: "Nimm das Recht weg – was ist dann ein Staat noch anderes als eine große Räuberbande?" Der Pontifex macht aber auch klar, dass es Rechtsnormen, etwa die Würde des Menschen, gebe, die nicht dem Mehrheitsprinzip, ergo Demokratie, unterworfen werden könnten. "Jeder Verantwortliche muss sich bei der Rechtsbildung die Kriterien seiner Orientierung suchen", sagt er und lässt unausgesprochen, dass es sich dabei zuvorderst um christliche Grundwerte handeln müsse. Und er meint wohl den politischen Streit um die Embryonenforschung, als er sagt: "Der Mensch kann sich selbst manipulieren. Er kann sozusagen Menschen machen und Menschen vom Menschsein ausschließen. Wie erkennen wir, was recht ist?"

In den Reihen der Bundestagsabgeordneten ist es still. Einige haben ihre Hände gefaltet, den so typischen Blick aufs Handy verkneifen sich die Abgeordneten. "Intellektuell schwere Kost", seufzt ein Parlamentarier später. Dem Papst bleibt aber wohl auch nicht verborgen, dass vor allem auf der linken Seite des Bundestags viele Stuhlreihen leer stehen. Rund 90 von 620 Bundestagsabgeordneten verweigern dem Kirchenoberhaupt, der sich explizit als "Papst, als Bischof von Rom" eingeladen sieht, die Ehre. Protokollarisch ist Benedikt XVI. als Staatsoberhaupt des Vatikan zu Besuch. Kritiker hatten im Vorfeld moniert, dass die Papst-Rede die Trennung von Staat und Kirche untergrabe. Als der Papst auf seine Rolle als Kirchenführer verweist, verlässt der Grüne Hans-Christian Ströbele demonstrativ den Saal. Vor allem die Linken zeigen dem Pontifex die kalte Schulter. Nur 26 von 76 Linken-Abgeordneten sitzen im Plenum. Wer da ist, hat sich die rote Aids-Schleife als Protest gegen die päpstliche Kondompolitik ans Revers geheftet. Immerhin, die Parteichefs sind da. Auch bei der SPD fehlen 25 (von 146) Abgeordnete, bei den Grünen sind es zwölf von 86. Dabei gilt den Grünen sicher die überraschendste Redepassage Benedikts XVI. "Ich würde sagen, dass das Auftreten der ökologischen Bewegung in der deutschen Politik seit den 70er-Jahren zwar wohl nicht Fenster aufgerissen hat, aber ein Schrei nach frischer Luft gewesen ist", sagt er. Spontaner Applaus bei den Grünen, Schmunzeln in den Reihen der übrigen Parlamentarier. Grünen-Chefin Claudia Roth bringt das später zu der überschwänglichen Aussage vom "grünen Papst". Doch Benedikt XVI. schiebt hinterher, dass ihm nichts ferner liege, als "Propaganda für eine bestimmte politische Partei" zu machen. Ähnlich wie die Ökologiebewegung die Bedeutung der Natur neu entdeckt habe, sei heute eine Wiederentdeckung der Bedeutung der menschlichen Natur nötig, sagt der Papst. "Auch der Mensch hat eine Natur, die er achten muss und die er nicht beliebig manipulieren kann." Philosophisch versucht er die Gräben zwischen "Sein und Sollen", also dem naturgegebenen Wesen des Menschen und einer ethischen Weisung, der Vernunft, zu überbrücken. Den "positivistischen Naturbegriff" hält der Papst für einen großartigen Teil der menschlichen Erkenntnis, doch wehrt er sich gegen sein Alleinstellungsmerkmal. Mit Positivismus wird eine Weltsicht bezeichnet, in der all das, was nicht mit den Sinnen erfahrbar ist, also etwa Engel, Teufel oder eben Gott, für nicht existent erklärt wird. Es geht dem Papst im Deutschen Bundestag also um das ewige Dilemma zwischen Wissenschaft und Glaube. Wörtlich sagt er: "Wo die positivistische Vernunft sich allein als die genügende Kultur ansieht und alle anderen kulturellen Realitäten in den Status der Subkultur verbannt, da verkleinert sie den Menschen, ja sie bedroht seine Menschlichkeit." Er schlägt den Bogen zu Europa, wo er ein Übergreifen dieses Positivismus sieht und ein Zurückdrängen christlicher Werte zur Subkultur. Es ist die päpstliche Vision einer europäischen Zukunft – anspruchsvoll und aktuell.

Nach 20 Minuten beendet der Papst seine Rede mit einer wundervollen Botschaft aus der Bibel. Der Geschichte des jungen König Salomon, dem in der Stunde der Thronfolge ein Wunsch durch Gott freigestellt wird. "Wie wäre es, wenn uns, den Gesetzgebern von heute, eine Bitte freigestellt würde?", fragt der Papst. "Was würden wir erbitten? Ich denke, auch heute könnten wir letztlich nichts anderes wünschen als ein hörendes Herz – die Fähigkeit, Gut und Böse zu unterscheiden und so wahres Recht zu setzen, der Gerechtigkeit zu dienen und dem Frieden."

Mehr als zwei Minuten dauert der Applaus der Parlamentarier, stehend klatschen die Bundestagsabgeordneten, auch die der Linkspartei. CSU-Landesgruppenchefin Gerda Hasselfeldt nennt die Rede einen "der größten Momente der deutschen Parlamentsgeschichte". Der Papst habe seinem Namen als oberster Brückenbauer alle Ehre gemacht. "Er hat uns zu Herzen geredet", so Hasselfeldt. CDU-Generalsekretär Hermann Gröhe würdigt die Ansprache als "sehr wertvolle Orientierung für unser tägliches Tun." Der CSU-Politiker Peter Gauweiler spricht von einem "Jahrhundertereignis". Viel Lob auch von SPD- und Grünen-Abgeordneten. Einige wenige vermissten die ökumenischen Signale, die Botschaft zu innerkirchlichen Reformen. Auch die Missbrauchsfälle in der Kirche erwähnte der Papst nicht.

Aber die erste Rede eines Papstes im Deutschen Bundestag sollte offenbar auch nicht dem kircheninternen Kampf mit Reformen und Regeln Nahrung geben. Das Parlament ist dafür der falsche Ort. Heute spricht der Papst mit Vertretern mehrerer Kirchen. Dabei werden auch Botschaften in der Ökumene erwartet.

Im Bundestag beschränkte sich der deutsche Papst auf das theologisch Grundsätzliche, das Einfügen christlicher Werte in eine moderne Welt. Der Paderborner Erzbischof Hans-Josef Becker, ebenfalls im Plenum, brachte es nach der Ansprache auf den Punkt: "Das war eine christlich-philosophische Sternstunde."

(RP)