Lehrer bei digitaler Technik in Schulen gespalten

Zukunft der Bildung: Lehrer bei digitaler Technik in Schulen gespalten

Der geplante Digitalpakt von Bund und Ländern soll viel Geld für die digitale Ausstattung der Schulen bringen. Doch wie ist die Situation heute? Eine Studie des IT-Verbandes Bitkom liefert ernüchternde Ergebnisse: Die meisten Lehrer fühlen sich mit der Technik zu oft allein gelassen und beklagen fehlende Strategien für die Aus- und Weiterbildung.

Die digitale Bildungsrevolution hat es an die Spitze der politischen Agenda geschafft. Am kommenden Freitag wird für das Mammutvorhaben sogar das Grundgesetz geändert, wenn der Bundesrat dem sogenannten Digitalpakt zustimmen wird. Die Länder erwarten in den kommenden Jahren einen warmen Geldregen von fünf Milliarden Euro aus Berlin, um es an die Schulen zu verteilen. Bereits ab dem kommenden Schuljahr soll es losgehen. Die Frage ist nur: Wohin mit dem Geld? Was soll damit finanziert werden, das die bei jeder Gelegenheit beschworene Digitalisierung der Schulen wirklich sinnvoll vorantreibt?

Klare Antworten darauf gibt es ebenso wenig, wie es ein klares Meinungsbild der Lehrer zur Digitalisierung ihres Unterrichts gibt. Das hat gerade der IT-Branchenverband Bitkom abgefragt. Gut 500 Lehrer nahmen am Telefon Stellung zu einem Fragebogen. Das Ergebnis: Die deutsche Lehrerschaft ist tief gespalten, wenn es um den Einsatz digitaler Geräte und die Umstellung ihrer Lehrpläne geht.

So gab nur etwas mehr als die Hälfte (54 Prozent) an, gerne häufiger digitale Techniken verwenden zu wollen. Allerdings wollen fast alle Lehrkräfte (88 Prozent) beobachtet haben, dass die Schülerinnen und Schüler motivierter sind, wenn derlei Technologien im Unterricht eingesetzt werden. Zudem fanden 87 Prozent, dass Inhalte und Zusammenhänge anschaulicher dargestellt und vermittelt werden können und etwas mehr als die Hälfte war der Meinung, dass Schüler auf das Leben und Arbeiten in der digitalen Welt vorbereitet werden.

Das Problem? Es stehen längst nicht genug Geräte zur Verfügung. 58 Prozent gaben an, dass die Schule nicht ausreichend ausgestattet sei. So gibt es zwar fast an jeder Schule Beamer, Notebooks oder stationäre Computer. Oft stehen die aber in speziellen Fachräumen. Das selbe gilt für Whiteboards, also digitale Tafeln. Zwei von drei Schulen haben solche Geräte, meist aber nicht in jedem Klassenzimmer. Hinzu kommt, dass auch viele Lehrer Risiken bei der Nutzung digitaler Geräte sehen. So gaben 86 Prozent an, dass der Einsatz der Technik negative Auswirkungen auf die Schreibfertigkeiten der Schüler habe. 77 Prozent glaubten, dass Schüler dazu verleitet werden, Inhalte aus dem Netz zu kopieren statt selbst die Lösungen zu finden. Und bei der Unterrichtsgestaltung fürchtete gut ein Drittel, von der Technik im Stich gelassen zu werden. 13 Prozent der befragten Lehrer gaben an, kein pädagogisches Konzept dafür zu haben, zwölf Prozent schätzten die eigenen Digital-Kenntnisse als zu gering ein. Folglich wünschte sich eine breite Mehrheit konkrete Weiterbildung für den Einsatz digitaler Medien im Unterricht. Unterm Strich vergeben die Lehrer nur befriedigende Noten zur Beschreibung des aktuellen Zustands. Dabei schnitt die Geschwindigkeit der Internetverbindung mit 2,9 noch am besten ab, gefolgt von der Aktualität der Endgeräte (3,2). Nur noch auf ein „ausreichend“ kamen dagegen die Schnelligkeit bei der Behebung technischer Probleme (3,7) oder die Anzahl der Endgeräte in Relation zur Schülerzahl (3,9).

Doch aus Sicht des Bitkom kann es jetzt nicht darum gehen, mit dem Geld aus dem Digitalpakt einfach kistenweise Tablet-Computer zu kaufen. Damit würden es sich Schulleiter zu einfach machen, sagte Hauptgeschäftsführer Bernhard Rohleder bei der Vorstellung der Studie. Wichtiger sei es, ein für die Schule passendes Konzept zu finden. Bei Geräten dürfe die Plattform, also der Softwareanbieter nicht vergessen werden, und digitale Weiterbildung der Lehrer sei ebenso wichtig. Zudem sieht der Bitkom-Experte auch noch Potential in den Geräten der Schüler. „Während Smartphones auf dem Pausenhof allgegenwärtig sind, spielen sie im Unterricht so gut wie keine Rolle“, sagte Rohleder. „Anstatt Smartphone-Verbote zu erlassen, sollte man darüber nachdenken, wie diese Geräte aktiv und produktiv in den Unterricht eingebunden werden können.“

Doch der Einsatz privater Geräte ist stark umstritten. Nicht zuletzt fürchten Kritiker, dass die sozioökonomischen Unterschiede unter den Schülern stärker heraus gekehrt würden. Nach dem Motto: Wer nicht das aktuelle iPhone hat, bekommt Probleme im Unterricht. Das sei jedoch unbegründet, sagte Rohleder. Wenn sich Schüler die entsprechenden Geräte nicht leisten könnten oder Eltern die Anschaffung ablehnen, müsse eben die Schule für die Bereitstellung während des Unterrichts sorgen.

Im Umgang mit digitalen Techniken sahen die Lehrer jedoch noch einen Vorteil, der auch den amtierenden Chef der Kultusministerkonferenz und hessischen Bildungsminister Alexander Lorz (CDU) umtreibt: stark individualisierten Unterricht. 55 Prozent der Lehrkräfte glaubten der Studie zufolge, dass die jeweilige Förderung der einzelnen Schüler mit digitalen Techniken erleichtert wird. Dazu sagte Lorz: „Ich bin fest davon überzeugt, dass in den digitalen Technologien viele Möglichkeiten stecken, die zu mehr Chancengerechtigkeit im Bildungssystem beitragen werden.“

(jd)
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