Kurt Beck sucht nach der Bodenhaftung

Kurt Beck sucht nach der Bodenhaftung

mainz Kurt Beck, seit 17 Jahren amtierender Ministerpräsident, geht forschen Schrittes voran, im Gefolge einen Tross von 30 Journalisten aus der ganzen Republik. "Sooooo, einsteigen!" Der 62-Jährige ist glänzend aufgelegt. Es geht auf Sommerreise durchs Land, sein Rheinland-Pfalz, hier kennt er fast jeden Stein. Die Vulkaneifel will er zeigen und nicht so viel über Politik reden. "Jetzt schauen Sie sich das doch mal an", sagt er stattdessen und weist aus dem Bus auf die sanften Hügel der Umgebung. Die Fragen kommen trotzdem.

Erst kurz vor der Tour hat Beck in dem seit Monaten gärenden Konflikt um die Zusammenlegung der Oberlandesgerichte Koblenz und Zweibrücken die Reißleine gezogen. Die beiden Städte liegen mehr als 200 Kilometer voneinander entfernt. Erstmals hatte es öffentliche Kritik aus den eigenen Reihen gegeben. Der dabei erhobene Vorwurf, er sei nicht mehr "nah bei de Leut'" muss jemanden wie Beck, den stets fürsorglichen Landesvater, getroffen haben. Er lenkte ein: Eine Expertenkommission soll nun ergebnisoffen prüfen, wie bei der Justiz eingespart werden kann. Keine Erklärungen, wie es dazu kommen konnte, dass der Protest der Koblenzer Justiz so lange unbeantwortet blieb. Beck ist das Thema ganz offensichtlich leid, das ihm bundesweit schlechte Presse einbrachte und die Frage, wie es mit der Unabhängigkeit der Justiz im Land bestellt ist.

Zum offenen Brief, in dem die Bad Emser SPD-Ortsvereinsvorsitzende Ursula Mogg bemängelt, Beck sei das ihm so wichtige Gespür für die Menschen abhanden gekommen, antwortet er schmallippig. Sein Blick hat plötzlich etwas Beunruhigendes. Ein Vulkan, kurz vor dem Ausbruch.

Solcherlei Kritik ist in den Augen Becks, der seit der Landtagswahl im März nicht mehr allein, sondern in einer Koalition mit den Grünen regiert, allenfalls die Einzelmeinung wenig bedeutender Genossen. Er selbst sieht sich als erfahrener Landesvater, der zu allen Zeiten mit Kritik und Protest gegen Kürzungen, Veränderungen, Einsparungen umgehen musste. Ein normales, ein notwendiges Geschäft, bei dem man nicht auf persönliche Sympathiewerte schauen darf.

Zwischenstopp bei der Nürburgquelle GmbH, einem Familienunternehmen in Dreis-Brück im Landkreis Vulkaneifel mit 110 Mitarbeitern, das viel in der Region investiert hat. Die Eifel boomt, sie hat wenige Einwohner, Vollbeschäftigung, die Einfamilienhäuser sind hier schick hergerichtet. Beck erzählt, dass das vor 20 Jahren noch ganz anders aussah. Neugierig probiert der Ministerpräsident einen Schluck eisenhaltiges Mineralwasser direkt aus der Quelle. Er fragt viel und genau nach, er begrüßt jeden per Handschlag. Er ist in seinem Element, und er hält das Händeschütteln, Nachfragen, Interessiert-Sein über Stunden durch. Seit Jahren, sagen Wegbegleiter.

Gelassen, die Arme verschränkt, dekliniert er den Journalisten auf dem Weg zur nächsten Eifel-Attraktion die Euro-Krise, die SPD-Parteireform und den Zickzackkurs der Koalition in Berlin durch. Die SPD habe zurück zur Gelassenheit gefunden, sich konsolidiert, meint der einstige Bundesparteichef.

Wenn es nicht um ungeliebte Themen aus dem Land geht, wird Beck ausführlich. Im Krimiarchiv in Hillesheim verrät er, dass er gern liest und noch lieber Bücher sortiert. Das sei entspannend, und man entdecke dabei immer wieder Neues.

(RP)
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