Frauensache: Kristina Schröder – ach, du liebes Gott!

Frauensache : Kristina Schröder – ach, du liebes Gott!

Ich aß Negerküsse und las Grimms Märchen. Das war schlimm, setzt man die Maßstäbe der Bundesfamilienministerin an.

Eigentlich habe ich immer gedacht, meine Kindheit sei eine richtig gute gewesen: Mir wurden Grimms Märchen vorgelesen, am Schulkiosk habe ich Negerküsse gekauft, vorm Schlafengehen zu dem lieben Gott gebetet und, an Weihnachten brachte mir das Christkind Geschenke. Jetzt aber ist mir von der obersten Familienfrau unseres Landes, Ministerin Kristina Schröder, klar gemacht worden, dass meine Eltern mit ihrer Erziehung danebengelegen haben – politisch unkorrekt und emanzipatorisch eine Katastrophe. Grimms Märchen sind nämlich, so Frau Schröder, sexistisch. Sie ist da knallhart, zensiert sogar Astrid Lindgren und den christlichen Glauben: Pippi Langstrumpfs Vater erkennt sie den Titel "Negerkönig" ab und Gott den männlichen Artikel. Das liebe Gott – Frau Schröder macht ernst mit dem, was sie in ihrem Buch angekündigt hat: "Abschied vom Diktat der Rollenbilder", ganz offensichtlich im Himmel und auf Erden. Ich muss gestehen, ich mochte Schneewittchen, Dornröschen und die Goldmarie. Eines meiner schönsten Weihnachtsgeschenke war die Dornröschen-Barbie. Ach, du liebes Gott, mag nun Frau Schröder denken, Dornröschen und Barbie, das ist ja potenzierter Sexismus. Deshalb möchte ich betonen, dass meine Barbies emanzipierte Frauen waren, die sehr gut ohne Ken zurechtkamen. Mit Weihnachten ist es bei Schröders auch so eine Sache. Man ist noch unentschieden, ob nun das Christkind oder der Weihnachtsmann die Geschenke bringt. Es ist zu befürchten, dass Frau Schröder auch hier den Kompromiss in einer Geschlechtsneutralisierung sucht und ihre Tochter vor dem Schlafengehen dann zu das liebe Gott betet, dass das Weihnachtsmann viele Geschenke bringt. Bevor also die Ministerin für die feministische Sache die deutsche Grammatik komplett niederwalzt, sei ihr die Bundesarbeitsagentur empfohlen. Die vermittelt Weihnachtsmänner und Weihnachtsfrauen. Auf ihrer Berufsinformationsseite ist zu lesen: "Weihnachtsmänner bzw. -frauen verbreiten in der Weihnachtszeit auf Veranstaltungen, Weihnachtsmärkten, vor und in Kaufhäusern oder auf der Straße weihnachtliche Stimmung. Um diese Tätigkeit ausüben zu können, ist keine bestimmte berufliche Vorbildung nötig." Mal wieder hat also Ursula von der Leyen, Bundesministerin für Arbeit, den Kampf mit Kristina Schröder um die Deutungshoheit des modernen Feminismus für sich entschieden. Denn in ihrem Arbeitsbereich wird selbst im klassischsten Männerberuf der Welt für echte Gleichberechtigung gesorgt. Und den lieben Gott, den lässt man einen guten Mann sein.

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(RP)
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