Düsseldorf: Kraft nimmt die Grünen in den Arm

Düsseldorf : Kraft nimmt die Grünen in den Arm

Hannelore Kraft und Grünen-Spitzenkandidatin Sylvia Löhrmann bleiben das starke Duo an der Regierungsspitze. Innerhalb der Koalition werden sich die Gewichte zugunsten der erstarkten SPD verschieben. Diese Erkenntnis machte sich nach dem ersten Jubelschrei über das Ergebnis auch auf der Wahlparty der Grünen am Rheinufer breit.

Sylvia Löhrmann lächelt schon vor allen anderen. Die Spitzenkandidatin der Grünen ahnt schon vor der ersten Prognose, dass wenig später um sie herum ein Jubelsturm ausbrechen wird. Schweißperlen stehen der Vize-Ministerpräsidentin auf der Stirn; auf der Grünen-Wahlparty im engen Café "Kunst im Tunnel" (Kit) am Düsseldorfer Rheinufer ist es heiß. Wenig später, nachdem die Grünen ihre erste Freude über das Ergebnis herausgebrüllt haben, greift Löhrmann nach dem Mikrofon. "Ich kann leider nicht lange mit euch feiern, ihr wisst ja, dass ich jetzt viele Termine habe", sagt die Schulministerin in einer kurzen Rede an die Parteifreunde.

Nach kurzer Häme über Norbert Röttgen sagt Sylvia Löhrmann noch: "Glückwunsch an Hannelore Kraft und die SPD." Gleich darauf enteilt sie in den wenige Fußminuten entfernten Landtag, wo die TV-Studios aufgebaut sind. Der Wahlkampf war in diesem Moment vorbei, aber dafür hat ein ganz anderer Kampf begonnen: der um gebührende Anerkennung in einer Landesregierung, die von einer SPD geprägt sein wird, die vor Kraft kaum laufen kann.

Ministerpräsidentin Hannelore Kraft und Sylvia Löhrmann werden weiter das starke Duo sein. Sie müssen beide nicht mehr vor jeder Abstimmung um eine Mehrheit kämpfen. Gleichzeitig verschiebt sich die innere Balance des Bündnisses: Die SPD ist nun die große Macht nicht nur im Parlament, sondern auch in der Regierung. Die neue Stärke trägt den Namen Hannelore Kraft. Und dieses vom Wähler gestärkte Selbstbewusstsein wird die Regierungschefin den leicht gerupften kleineren Partner mitunter auch mal spüren lassen – auch wenn die Grünen sicherlich wieder drei Ministerposten bekommen. 2010, als die Minderheitsregierung gebildet wurde, war Löhrmann die treibende Kraft gewesen. Jetzt aber könnte die SPD theoretisch auch mit der FDP die Regierung bilden, so unwahrscheinlich das nach der Abstimmung über den Haushalt und der Auflösung des Landtags auch sein mag.

Gestern Abend stritten sich Löhrmann, Reiner Priggen (Chef der ehemaligen Landtagsfraktion) und Horst Becker (ehemals Parlamentarischer Staatssekretär im Verkehrsministerium) im Landtag darüber, ob man in den vergangenen zwei Jahren gegenüber der SPD nicht einen zu starken "Kuschelkurs" gefahren sei. Zuvor hatte Löhrmann vor ihren Parteifreunden erklärt: "Wir werden nicht durchregieren, sondern mit allen im Gespräch bleiben." Sie hätte auch sagen können: nicht nur mit, sondern auch bei allen im Gespräch bleiben.

Als Löhrmann die Wahlparty fürs Erste verlassen hat, kehrt Ruhe ein am Rheinufer. Auf den Wiesen vor dem "Kit" hocken junge Leute, die aber nichts mit der Partei zu tun haben. Die Rockband auf der Bühne nebenan hat die Instrumente schon eingepackt. Ein Vater geht mit seiner Tochter im Arm vorbei. "Hier werden Gewinner gekürt", erklärt er dem Mädchen. Auf den Stühlen vor dem Café schlürfen Gäste ihren Cappuccino, und am Ufer gegenüber grasen Schafe.

Eine Riesensause bekommen die vielen Kamerateams nicht geboten, eher einen genüsslichen Feierabend im Sonnenuntergang. "Die Kunst ist nicht, gewählt zu werden", sagt der Landesvorsitzende Sven Lehmann. "Die Kunst ist, wiedergewählt zu werden und eine Minderheitsregierung in eine Mehrheitsregierung zu verwandeln. Und wir haben unser Ergebnis bestätigt." Er betont: "Das ist ein rot-grüner Gemeinschaftssieg."

Die Erleichterung ist auch deshalb so groß, weil es die Grünen im Wahlkampf nicht unbedingt leicht hatten. Löhrmann spricht im Fußballer-Jargon von einem Arbeitssieg. Ein Insider bemerkt: "Diesmal war es wirklich ein harter Wahlkampf, der die Partei richtig beansprucht hat. 2010 war dagegen fast ein Selbstläufer." Während 2011 der Wind um Energiewende und Stuttgart 21 den Grünen Winfried Kretschmann in die Stuttgarter Staatskanzlei trug, wo er nun seit genau einem Jahr regiert, mussten die Grünen in NRW selbst als Regierungspartei ständig Wahlkampf machen – für ihre Politik im Parlament. Jetzt hatten die Union und die FDP ihre Zugpferde aus der Bundespolitik ins Land geschickt, die Grünen, die "Regierungs-Arbeiter", fühlten sich in der öffentlichen Wahrnehmung herabgestuft. Christian Lindner holte für die Liberalen immer mehr auf, Hannelore Kraft genoss den Amtsbonus. Und am Ende waren für die Öffentlichkeit sogar die Piraten interessanter als die Grünen, das ärgerte die Parteispitze am meisten. "Wir mussten kämpfen, um unsere Positionen in der Öffentlichkeit zu platzieren", meint ein Wahlkämpfer.

Zuletzt beantworteten die Grünen drei Tage am Stück im Internet live die Fragen von Wählern. Doppelt so viele Fragen wie 2010 habe man im Akkord abgearbeitet, rechnete die Landesvorsitzende Monika Düker vor. Und in Köln, berichtete das Düsseldorfer Bundesvorstandsmitglied der Grünen Jugend, Timeela Manandhar, habe man für Wählerstimmen sogar abends mit ausgelassen Feiernden in der Altstadt über Politik diskutiert.

Für Sylvia Löhrmann selbst wurde es zuletzt sogar ein "Wahlkrampf". Mit einem fiebrigen Infekt schleppte sie sich durch die vergangene Woche, musste sogar vereinzelt Termine absagen, bis sie gestern am Nachmittag ihre Stimme im heimischen Wahllokal an der Yorckstraße in Solingen abgab.

Die Sorge, dass es doch nicht für eine rot-grüne Mehrheit reichen könnte, wuchs, je näher der Wahltag rückte. Das alles fällt in dem Moment ab, als auf den Fernsehern im "Kit" der grüne Balken bis auf zwölf Prozent klettert und die Sitzverteilung zeigt: Es reicht für die Regierung, es gibt keine große Koalition. Aber die Grünen sind nicht mehr so stark wie bislang, diese Erkenntnis mischt sich unter das Wahlparty-Volk. Eine allzu ausgelassene Feier ist es deshalb nicht.

(RP)