Erinnerung an den qualvollen Mauertod vor 40 Jahren: Kränze für Peter Fechter

Erinnerung an den qualvollen Mauertod vor 40 Jahren: Kränze für Peter Fechter

Berlin (rpo). Vor 40 Jahren verblutete Peter Fechner qualvoll im Todesstreifen der Berliner Mauer. Bürgerrechtler und die Begründer der Berliner Arbeitsgemeinschaft 13. August legten zu seinem Gedenken Kränze nieder.

Der qualvolle Tod von Peter Fechter vor 40 Jahren in den Sperranlagen der Mauer nahe dem Berliner Checkpoint Charlie rüttelte die Welt auf. Der 18-jährige Bauarbeiter aus Ost-Berlin lag am 17. August 1962 fast eine Stunde in seinem Blut. Immer wieder rief er vergeblich: "So helft mir doch!" Tausende aufgewühlte West-Berliner beschimpften die östlichen Grenztruppen tagelang mit "Mörder, Mörder"-Rufen. Es kam zu Übergriffen auf das sowjetische Ehrenmal im Tiergarten und auch auf Westpolizisten und US-Soldaten.

Der Berliner Prozess gegen die Mauerschützen 1997 räumte mit vielen Legenden auf, die sich um den Tod rankten. Ein Rätsel konnte er aber nicht lüften: Wer von den vier Grenzposten, die damals feuerten, erschoss den Maurergesellen?

Geklärt ist inzwischen, dass Fechter deshalb 50 Minuten liegen blieb, weil erst dann der zuständige Offizier eintraf und seinen Leuten Beine machte. Westliche Kripo-Unterlagen besagen, dass die ganze Aktion auf der Ostseite von Kopflosigkeit und Angst geprägt gewesen sei. Als unzutreffend gelten heute Bewertungen, die DDR habe mit der Bergung so lange gewartet, um dadurch Härte zu zeigen.

Die Stelle, an der der getroffene Fechter rückwärts von der Mauerkrone in den Todesstreifen fiel und an der sein Mitflüchtling, der Betonierer Michael Kulbeik, den Sprung in den Westen gerade noch schaffte, war nicht irgendein Platz in Berlin. Am nahen Checkpoint Charlie hatten sich beim Mauerbau ein Jahr zuvor sowjetische und US-Panzer aufmunitioniert und gefechtsbereit gegenüber gestanden. Der Höhepunkt des Kalten Krieges war keineswegs abgeklungen.

Jahrzehntelang wurde der Tod von der DDR verschleiert. Nach der Wende hieß es noch lange, Unterlagen dazu gebe es nicht oder sie seien verschollen.

Ein Treffer zerstörte alles

Umso größer war die Sensation, als beim Prozess vor dem Berliner Landgericht 1997 nicht nur der Obduktionsbericht vorlag, sondern auch sein Autor, der damalige Chef der Gerichtsmedizin am DDR-Großklinikum Charité, persönlich erschien. Der international renommierte Forensiker Otto Prokop konnte sich trotz Ruhestands noch genau erinnern: Fechter starb nicht, weil man ihn verbluten ließ, sondern weil er "von Anfang an keine Chance" mehr hatte. Ein einziger Treffer habe ihn "wie ein Blitz gefällt", sagte der Österreicher.

Von der 35 abgegebenen Schüssen habe nämlich nur einer direkt getroffen. Eine Abprallerwunde am Ellbogen wurde als unerheblich eingestuft. Verblutet sei Fechter in der Tat, sagte Prokop. Dies habe der Zustand der Herzinnenhaut, die blasse Farbe von Haut und Niere bewiesen.

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Auf seinem Weg von rechts nach links in aufsteigender Bahn durch die Hüfte riss das Geschoss laut Prokop Vene und Arterie an ihren dicksten Stellen auf. Allein diese Verletzung habe jegliche Rettung ausgeschlossen. Selbst wenn Fechter unverzüglich und pausenlos mit Blutkonserven versorgt worden wäre, hätte das nichts geändert. Außerdem zerfetzte das Geschoss den Harnleiter. Allein bei dieser Verletzung hätte eine chirurgische Behandlung bei höchstem Operationsaufwand zwei bis drei Stunden gedauert, sagte der Mediziner.

Verbandspäckchen zugeworfen

Fechter konnte sich nach dem Treffer noch drehen und wenden, wie die erschütterten Augenzeugen berichteten. Aus dem Westen wurden ihm Verbandpäckchen in der Hoffnung zugeworfen, dass er sie sich auf die Wunden drückt. Aber Prokop sagte, der Schockzustand habe alles verhindert. Und dies, obwohl Gelenke, Wirbelsäule und die wichtigste Muskulatur unversehrt geblieben seien. Prokop berichtete, als er die Leiche vor sich hatte, habe ihm niemand gesagt, dass Fechter an der Grenze angeschossen worden sei. Das habe er erst viel später erfahren.

Fechter ist nicht das erste Maueropfer in Berlin. Nach einer Liste der Arbeitsgemeinschaft 13. August starben vor ihm 33 Menschen. Insgesamt kostete die deutsche Teilung danach 985 Menschen das Leben, davon starben 628 nach dem Mauerbau.

Zur Kranzniederlegung waren die frühere DDR-Dissidentin Bärbel Bohley und der Sohn des US-Bürgerrechtlers Ralph David Abernathy gekommen. Bohley sagte, sie habe vor 40 Jahren noch nicht verstehen können, dass ein Mensch für ein Leben in Freiheit den Tod in Kauf nimmt. Erst später habe selbst erfahren, wie stark der Freiheitsdrang werden könne.

Abernathy sprach von einem für ihn historischen Moment, der Erinnerungen an den Kampf seines Vaters an der Seite von Martin Luther King für Freiheits- und Bürgerrechte wecke. Eigentlich sei der Jahrestag jedoch ein trauriger Augenblick, denn er mache deutlich, dass die Freiheit überall in der Welt immer wieder gefährdet werde. Peter Fechters Erbe aber lebe im Herzen der Menschen weiter. Er nannte es eine Ehre, an Fechters Mahnmal stehen zu können.

http://www.mauer-museum.com

(RPO Archiv)
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