Washington: Kopf an Kopf ins Wahlkampf-Finale

Washington: Kopf an Kopf ins Wahlkampf-Finale

Im Debatten-Showdown geht Barack Obama in der dritten und letzten TV-Debatte erneut in die Offensive. Kontrahent Mitt Romney gibt sich dagegen staatsmännisch. Doch über weite Strecken waren kaum Unterschiede zwischen den Kandidaten erkennbar. In Umfragen liegen sie gleichauf.

Amerikanische Fernsehdebatten sollen Kontraste schärfen, das Streben nach Konsens überlässt die Neue Welt lieber den Kontinentaleuropäern. Umso mehr fiel das Rededuell von Boca Raton aus dem Rahmen, das dritte und letzte Streitgespräch zwischen Mitt Romney und Barack Obama. Auf seinem Marsch in die wahlentscheidende Mitte klang der Herausforderer so konziliant, dass es sich stellenweise anhörte, als sei er der Außenminister des Präsidenten.

Das taktische Manöver ändert nichts an den Differenzen, an zwei Denkschulen, die vor allem auf eine Frage – zumindest in der Theorie – sehr verschiedene Antworten geben: Welche Rolle soll Amerika in der Welt spielen? Romney wirft Obama vor, sich ständig zu entschuldigen für die Dominanz der Vereinigten Staaten, frühere Kapitel eingeschlossen. Dem Professor im Oval Office sei es geradezu peinlich, etwas zu unterstreichen, was er selber als Patriot für selbstverständlich halte: Dass das Land der Freien die freie Welt anführe, eine einzigartige Nation, die rund um den Globus die Demokratie zu fördern habe.

Tatsächlich begreift auch Obama die USA als die "unentbehrliche Nation", ohne deren ordnende Kraft der Planet im Chaos zu versinken drohe. Nur eben nicht als unangefochtene Supermacht, die ihre Interessen durchsetzen könnte, ohne Koalitionen zu schmieden.

Um Stärke zu demonstrieren, würde Romney das Verteidigungsbudget nie unter vier Prozent der Wirtschaftsleistung sinken lassen, was bis 2022 im Vergleich mit heutigen Ansätzen auf über zwei Billionen Dollar an Mehrausgaben hinausliefe. Die Kriegsmarine, klagt er, zähle inzwischen weniger Schiffe als 1917. Worauf Obama sarkastisch entgegnet: "Wir haben auch weniger Pferde und Bajonette", altmodisches Tonnendenken führe zu nichts.

Manchmal wirkt es geradezu paradox, um welche Themen der Wahldiskurs kreist und welche ausgelassen werden. Im Regierungsalltag spricht Obama, oft als erster transpazifischer US-Präsident charakterisiert, prägnant von der strategischen Hinwendung zu Asien, wo mit China der große Rivale des 21. Jahrhunderts aufsteigt. In Florida indes war vom Reich der Mitte nur am Rande die Rede, und zwar ausschließlich im Kontext der Innenpolitik. "Wir würden Autos in China kaufen, statt Autos nach China zu exportieren", sagte Obama, wäre man Romneys Rat gefolgt, General Motors pleitegehen zu lassen. Gemünzt auf den heftig umworbenen Wechselwähler im industriellen Ohio, reflektiert der Satz eine weit verbreitete Stimmung: eine Nabelschau, die zum Isolationismus tendiert.

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Die Schuldenkrise Europas? Kaum ein Debattenwort darüber. Globale Klima-Kooperation? Fehlanzeige. Wie schon 2004 und 2008 geht es hauptsächlich um den Nahen Osten, eine Region, die Amerika mit dem Irak-Krieg jahrelang fesselte und von deren Fallstricken es sich nach dem Rat namhafter Strategen in den Denkfabriken Washingtons resolut befreien muss.

Das Bemerkenswerte: In der Sache klafft zumeist keine große Lücke zwischen beiden Bewerbern. Beispiel Iran. Weder Obama noch Romney schließen eine Militäraktion aus, zugleich ist keiner bereit, im Nuklearstreit jene roten Linien zu ziehen, wie sie der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu fordert.

Beispiel Afghanistan. In einem überraschenden Schwenk hat Romney über den Haufen geworfen, was in seinem Team lange als unantastbar galt. Die Generäle, nicht die Politiker, sollten bestimmen, wann die 68 000 verbliebenen US-Soldaten heimkehren, hieß es bisher. Im Übrigen dürfe man den Taliban kein Datum für die Rückkehr an die Macht signalisieren. Jetzt hält auch der Herausforderer einen Abzug bis 2014 für richtig, deckungsgleich mit Obama.

Nach dem Debatten-Finale beginnt nun der Wahlkampf-Endspurt. Obama und Romney müssen alles tun, um die noch unentschlossenen Wähler zu überzeugen. Sie werden den Ausgang entscheiden.

(RP)
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