Kolumne Gesellschaftskunde: Mangelnde Selbstliebe als Problem

Kolumne: Gesellschaftskunde : Einfach einmal drauflos leben

Das Leben besteht unmerklich aus einer Fülle von Entscheidungen. Das beginnt beim Entschluss, morgens aufzustehen, es überhaupt mit dem Tag aufnehmen zu wollen, und reicht bis zum Beschluss, am Abend lieber kein Glas Wein mehr zu trinken.

Der Mensch lenkt seine Geschicke. Oft braucht er ein wenig Selbstdisziplin, um allen Anforderungen zu genügen. Und meist merkt er das gar nicht, sondern arbeitet sich durch den Tag, bis er mehr oder weniger erschöpft, mehr oder weniger zufrieden ist - und es gutsein lässt.

Allerdings gibt es Menschen, die sich nicht nur zu lästigen Pflichten zwingen, sondern permanent im Modus der Selbstbeobachtung leben. Sie fühlen sich, als folge ihnen eine Kamera und schaue bei allen Tätigkeiten zu. Dazu läuft der innere Monolog ständiger Bewertung: Alles wird registriert und oft genug gegen das eigene Ich gewendet. Bevor die anderen einen kritisieren, tut der Eigenbeobachter das lieber selbst.

Natürlich ist das furchtbar anstrengend, und höhlt das Selbstbewusstsein bald aus. Doch Menschen, die sich selbst so kritisch begleiten, sind natürlich nicht verrückt. Sie wenden nur in extremer Form auf sich an, was ihnen überall gepredigt wird: dass sie sich kontrollieren und optimieren müssen. Und dazu kritischen Verstand und Disziplin zeigen sollen. Selbstmanagement, Entscheidungsfindung, Zeitplanung - für alles gibt es Ratgeber, und wer sie genau liest, entdeckt darin viel geronnene Angst. Menschen wollen genügen, wollen in Beruf und Familie bestehen und empfinden das alles oft als sehr viel Druck.

Für die meisten ist also nicht mangelnde Selbstdisziplin das Problem, sondern mangelnde Selbstliebe. Sie haben verlernt, sich selbst zu verzeihen. Und sich selbst mal aus den Augen zu verlieren. Einfach drauflos zu leben. Fehler zu machen - und den Selbstkontrolleur einfach auszulachen.

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(dok)