Berliner Republik: Klatschmarsch durch die Institutionen

Berliner Republik : Klatschmarsch durch die Institutionen

Der Beifall ist die Währung der Politiker. Jede Minute zählt. Nun haben die Parteitagsdelegierten von CDU und SPD das Claqueur-Wesen perfektioniert. Und die Medien machen munter mit. Warum eigentlich?

Die Stoppuhr ist zum wesentlichen Instrument für politische Legitimation in dieser Demokratie geworden. Wer sich als Spitzenpolitiker auf einem Parteitag zur Wahl stellt, wird an der Länge des Applauses gemessen. Jede Minute mehr bringt politisches Gewicht. Bei Angela Merkels Krönungsmesse in Hannover waren es vergangene Woche knapp neun Minuten. SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück toppte den Merkel-Klatschmarsch drei Tage später sogar noch: zehn Minuten.

Dutzende SPD-Funktionäre und eifrige Jungsozialisten hatten im Vorfeld der Rede Steinbrücks via Internet die Genossen zu einem neuen Klatschrekord aufgerufen. Steinbrück sollte schließlich einen ersten Sieg gegen Merkel einfahren. Die Journalisten, man muss das selbstkritisch sagen, nutzten das Applaus-O-Meter dankend als Vergleichsmaßstab und stoppten mit. Nur die Delegierten stöhnten angesichts ihrer rot anlaufenden Hände.

Der Beifall ist nicht nur Liebesbezeugung in einer aufmerksamkeitsfixierten Mediendemokratie. Der Applaus ist regelrecht zur Währung der Politiker geworden. Nicht handelbar, aber sehr wertvoll. Bundestagsabgeordnete verweisen stolz auf die Passagen in den Protokollen einer Bundestagssitzung, bei denen "lange anhaltender Applaus" vermerkt wird. Wie gut eine Rede wirklich dem Zuhörer gefallen hat, ist zweitrangig. Es geht darum, wie die Zuschauer denken, wie die Rede ankam. Und da hilft der inszenierte Applaus. Politische Claquere wohin das Auge reicht.

Eine skurrile Entwicklung. Man wünschte, dass ein Spitzenpolitiker den Klatschmarsch durch die politischen Institutionen beendet und nach einer Rede ans Mikrofon tritt, und sagt: "Hört auf! Ich will keinen Klatschwettbewerb gewinnen, sondern Wahlen." Das würde (auch journalistische) Beobachter überraschen und erst recht zu Lob animieren. Nur, ich fürchte, dazu wird es nicht kommen. Die zehn Minuten Kandidatenapplaus für Peer Steinbrück sind ab sofort der Standard, an dem sich künftige Parteichefs und Kandidaten messen lassen müssen. Wohin das führt?

Nun ja. Der Opern-Star Luciano Pavarotti soll bei einem Konzert in Berlin ganze 67 Minuten beklatscht worden sein. Weltrekord. Auf Bundesparteitagen müsste künftig ein eigener Tagesordnungspunkt "Beifall für unsere wichtigen Politiker" eingeführt werden. Vielleicht gibt es demnächst Ersatz-Delegierte, die einspringen, wenn die Hände der Erstdelegierten wundgeklatscht sind. Vorschlag zur Güte: In fernöstlichen Ländern wird der Beifall als Zustimmungsbekundung durch Zungenschnalzen ersetzt. Das wäre doch eine Abwechslung in den Parteitagshallen. Akustisch ein ganz neues Gefühl. Und zehn Minuten hält das auch keiner durch.

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(RP)