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Keime in der Klinik

Keime in der Klinik

Deutschlands größte Krankenkasse, die Barmer GEK, schlägt Alarm: In Krankenhäusern und Pflegeheimen infizieren sich immer mehr Menschen mit besonders hartnäckigen Erregern.

Berlin Die Zahl der Menschen, die einen besonders hartnäckigen Krankheitserreger in sich tragen, hat sich in den vergangenen Jahren in Deutschland verdoppelt. Die multiresistenten Erreger – besser bekannt als sogenannte Krankenhauskeime – reagieren nicht auf Antibiotika und können gerade für ältere Menschen mit schwachem Immunsystem gefährlich werden. Die Zahl der Träger von Krankenhauskeimen unter den 8,4 Millionen Versicherten der Krankenkasse Barmer GEK stieg von 6700 im Jahr 2006 auf schon 13 700 im Jahr 2009, berichtete die Kasse.

Die Fälle der Patienten mit einem Keimnachweis, die aus dem Krankenhaus in Pflegeeinrichtungen entlassen wurden, hat sich den Barmer-Daten zufolge sogar verdreifacht. Deutschlands größte Krankenkasse warnte deshalb gestern in Berlin vor der weiteren Verbreitung der Keime. Experten weisen allerdings darauf hin, dass auch die Nachweismöglichkeiten für gewisse Keime in den vergangenen Jahren deutlich verfeinert wurden.

Schätzungen zufolge erkranken jährlich zwischen 400 000 und 600 000 Menschen während eines Krankenhausaufenthaltes an Infektionen, zwischen 10 000 und 15 000 Menschen sterben an den Folgen.

Mangelnde Hygiene in Krankenhäusern, aber auch die zunehmende Resistenz der Erreger gegen Antibiotika gelten als Ursachen für die Ausbreitung der Keime. Am häufigsten tritt eine Infektion mit Bakterien auf, die gegen Antibiotika resistent geworden sind. Die bekanntesten Vertreter der resistenten Bakterien sind die Staphylokokken. Schon vor Jahren haben sich die ersten Bakterienstämme entwickelt, die besonders widerstandsfähig sind: Man nennt sie MRSA, methicillinresistente Staphylococcus aureus-Stämme.

Doch nicht jeder Krankenhauspatient, der mit diesem Keim infiziert sei, werde davon auch krank, sagte die Barmer-Expertin Ursula Marschall. "Viele Menschen wissen gar nicht, dass sie den Keim tragen", betonte Marschall. Die Zahl der tatsächlich Erkrankten sei zwischen 2006 und 2009 sogar um 20 Prozent gesunken.

Wenn allerdings immer mehr Menschen den Keim in sich tragen, steigt auch die Gefahr der Ansteckung bei Risikopatienten. Die multiresistenten Keime sind vor allem für ältere, chronisch kranke Patienten gefährlich. Besonders häufig sind laut der Barmer Ersatzkasse die Diabeteskranken sowie Patienten mit Atherosklerose oder Herzschwäche betroffen.

Regional gibt es große Unterschiede bei den Fallzahlen der infizierten Menschen in Krankenhäusern, so die Barmer GEK. Die meisten MRSA-Infizierten gibt es demnach in der Region Mannheim, die wenigsten im westlichen Mecklenburg-Vorpommern.

In Rheinland-Pfalz liegt die Zahl leicht über dem Bundesschnitt, im westlichen Nordrhein-Westfalen deutlich darüber. In Kliniken in Düsseldorf und auch in der Umgebung weiter westlich haben die Barmer-Experten über 250 MRSA-Fälle pro 100 000 Personen festgestellt.

Laut den Barmer-Experten sagen die Zahlen jedoch nicht unbedingt etwas über die Hygieneverhältnisse in den Krankenhäusern aus. In den westlichen Bundesländern werden generell insgesamt erheblich mehr Fälle festgestellt. "Das kann auch bedeuten, dass hier besonders konsequent nach resistenten Keimen gesucht wird", sagte Marschall.

Die Maßnahmen für eine verbesserte Hygiene dürften sich nicht allein auf Krankenhäuser beschränken, forderte Marschall angesichts der steigenden Zahl von Infizierten in Pflegeheimen.

Bernd Gruber, Mitglied des Deutschen Pflegerats, hält Tests auf MRSA auch nach einem Krankenhausaufenthalt für notwendig, etwa in Pflegeheimen. Diese würden bisher aber nicht von den Krankenkassen übernommen.

Gruber dringt auf eine Einigung bei der Kostenübernahme, "damit die Keime frühzeitig entdeckt und zielgerichtet" reagiert werden könne. "Es ist höchste Zeit, bundesweit einheitliche Hygienestandards festzulegen", sagte auch der CDU-Bundestagsabgeordnete und Gesundheitspolitiker Erwin Rüddel.

Ein entsprechendes Hygienegesetz wurde bereits verabschiedet.

(RP)