Karnevalsfeier trotz Todessturz

Karnevalsfeier trotz Todessturz

Berlin/Düsseldorf Die Bundeswehr sieht sich selbst stets als "starke Truppe". Im Einsatz, besonders auf hoher See, werden Männer und Frauen mit Nerven gebraucht. "Weicheier" haben hier keinen Platz. Aber wie grob dürfen Gefühle über den gerade erlebten Tod einer jungen Kameradin unterdrückt werden? Darum geht es im Kern bei den nun fälligen Untersuchungen um die angebliche "Meuterei" auf der "Gorch Fock" nach dem tödlichen Unglück der 25-jährigen Sarah Lena Seele am 7. November.

"Wenn es sich herausstellt, dass sich die Vorfälle genau so abgespielt haben, wie sie vom Wehrbeauftragten geschildert worden sind, dann war das eklatantes Führungsversagen", sagt FDP-Verteidigungsexpertin Elke Hoff unserer Zeitung. Mit dem Unglück seien die Vorgesetzten allem Anschein nach "alles andere als sensibel umgegangen", kritisiert Hoff.

Nach den bisherigen Ermittlungen hatte eine Gruppe von Reserveoffizieranwärtern der Schiffsführung mitgeteilt, unmittelbar nach dem tödlichen Unfall nicht zur Tagesordnung übergehen zu wollen. Auch die Zweifel, ob sie sich so kurz danach in der Lage sähen, genau dorthin zu klettern, von wo die Kameradin in den Tod gestürzt war, hatten die Schiffsführung derart verärgert, dass sie die Überbringer der Nachricht wegen "Meuterei" und "Aufhetzen der Crew" umgehend nach Hause schicken wollte.

Für Verbitterung unter den Kritikern an Bord sorgte nach Informationen unserer Zeitung auch eine Karnevalsfeier an Bord der "Gorch Fock" zum "Elften im Elften", also nur wenige Tage nach dem Tod der Kameradin.

Weil zwischenzeitlich angefertigte Papiere vernichtet werden sollten, entstand der Verdacht, dass der Vorgang insgesamt vertuscht werden sollte. In diesem Zusammenhang erinnert sich SPD-Verteidigungsexperte Rainer Arnold an ein besonderes "Ärgernis". Er hatte bereits im November von dem Gerücht einer "Meuterei" gehört und im Ausschuss das Ministerium um Auskunft gebeten. "Da wurde abgewiegelt", berichtet Arnold. Erst nach dem Hinweis des Wehrbeauftragten habe das Ministerium mit der Aufklärung begonnen. "Dieser Verteidigungsminister muss anfangen, sich mehr um Details zu kümmern", sagte Arnold. Er müsse dafür sorgen, dass in seinem Umfeld Mitarbeiter seien, "die merken, was politisch brisant ist und es ihm dann auch auf den Tisch legen".

Der langjährige Kapitän der "Gorch Fock", Immo von Schnurbein, verteidigte die Offiziersausbildung auf dem Segelschulschiff. Nach wie vor halte er das Schiff "für einen wertvollen und wichtigen Bestandteil des Ausbildungsspektrums unserer Marine", sagte er unserer Zeitung. Der 72-Jährige mahnte zur Besonnenheit und stellte sich hinter den heutigen Kommandanten, Kapitän zur See Norbert Schatz (53). "Ich kenne und schätze ihn als sehr erfahrenen Mann und bewährten Offizier."

(RP)
Mehr von RP ONLINE