Kampf gegen Flut spaltet Thailand

Kampf gegen Flut spaltet Thailand

Weil die thailändische Regierung bei den Rettungsmaßnahmen vor allem die Hauptstadt Bangkok im Blick hatte, rebelliert in einigen Regionen die arme Landbevölkerung. Sie fühlt sich vom Staat im Stich gelassen. Unterdessen scheint der Scheitelpunkt der Flut erreicht zu sein.

Bangkok (RP) Die schweren Überschwemmungen in Thailand haben zu einer Verschärfung der sozialen Spannungen zwischen der armen Landbevölkerung und den Bewohnern der Zwölf-Millionen-Einwohner-Metropole Bangkok geführt. Wütende Anwohner in Vororten der Hauptstadt und in einigen Provinzen versuchten Medienberichten zufolge, Deiche zu zerstören. Diese sollten verhindern, dass die Wassermassen aus ihren überschwemmten Gebieten in Richtung Bangkok abfließen und dann Banken- und Touristenviertel überfluten. Die Meinung, Bangkoks Schutz gehe auf Kosten der Armen, ist weit verbreitet. Die Kritik am Krisenmanagement der Regierung von Premierministerin Yingluck Shinawatra wird immer lauter. Die Regierung kündigte zwar ein Programm im Umfang von rund 30 Milliarden Euro an, mit dem der Wiederaufbau, ein neues Hochwasser-Präventionssystem und Industriehilfen bezahlt werden sollen. Allerdings hat das bisherige Management das Vertrauen in die Regierung Shinawatra erschüttert.

Bangkoks Gouverneur Sukhumbhand Paribatra versuchte inzwischen, dies auszunutzen. Paribatra, Mitglied der Oppositions-Partei, hatte zwischenzeitlich erklärt, die Bewohner Bangkoks sollten ausschließlich auf ihn hören. In der Presse hieß es daraufhin, Bangkok sei nicht Paribatras persönliches Spielzeug.

Immer noch strömen zahlreiche Flüchtlinge aus dem Landesinneren in die Hauptstadt. Die Wände im Inneren des Rajamangala-Stadions im Osten Bangkoks sind weiß getüncht, am hinteren Ende des fensterlosen Raumes befinden sich die Toiletten, am Boden liegen dunkelblaue Matratzen dicht an dicht. Für rund 1500 Menschen sind die Sportlerräume des Stadions vorübergehende Bleibe geworden. Ihr eigentliches Zuhause ist in den Fluten untergegangen. Auf einer der Matratzen hockt Sanya Kaewlek mit seiner Frau Nuntwan und seinem zehnjährigen Sohn Wutthichai. Das Reden überlässt Nuntwan ihrem Mann. Sie ist so stark erkältet, dass sie kaum sprechen kann. Geduldig und freundlich sind sie – obwohl sie wie viele Flutopfer in Thailand eine Odyssee hinter sich haben. Die Familie kommt aus Ayutthaya. In der Provinz, die mit am schwersten von den Fluten getroffen wurde, stehen nicht nur Dörfer und Städte, sondern auch ganze Industrieparks unter Wasser. "Die Welle kam, während wir schliefen, und wir konnten nichts dagegen tun", erinnert sich Sanya Kaewlek.

Daraufhin wurde die Familie für zehn Tage auf dem Campus der Thammasat-Universität untergebracht. Dort sei alles sehr gut organisiert gewesen, erzählt der 40-Jährige. Dann aber wurde auch der Campus überschwemmt, und die Familie musste, wie auch die übrigen 3800 Flüchtlinge, erneut umsiedeln. "Darüber, was mit uns in Zukunft passieren wird, habe ich mir noch keine Gedanken machen können", sagt Sanya, der durch die Flut auch seinen Arbeitsplatz im Baustoffhandel verloren hat.

Die Regierung rechnet allerdings damit, dass die Produktion in den überschwemmten Betrieben in den kommenden drei Monaten wieder aufgenommen werden kann. In dieser Zeit sollte es gelingen, die Lage zu normalisieren, sagte Ministerpräsidentin Shinawatra. Sollte das Wasser zurückgehen und der Maschinenpark gerettet werden, sei eine Wiederaufnahme der Produktion innerhalb von drei Monaten möglich, sagte Shinawatra.

Thailand ist der zweitgrößte Exporteur von Computer-Festplatten. Wegen des Hochwassers stieg der Weltmarktpreis, da es bei der Produktion von PCs zu Versorgungsengpässen kommt. Der Elektronikkonzern Samsung erklärte, die Chip-Produktion dürfte bis zum ersten Quartal des kommenden Jahres beeinträchtigt bleiben. Auch in der Automobilindustrie hinterlässt die Katastrophe in dem größten Zulieferland Südostasiens ihre Spuren: Honda erklärte, die Produktionsausfälle hätten vor allem Auswirkungen auf die Autoproduktion in Indonesien, Vietnam und Pakistan.

Mittlerweile scheint es, als ob der Scheitelpunkt der Flut überschritten ist. Der überwiegende Teil Bangkoks blieb bislang trocken. Doch für das Land insgesamt sind die Folgen verheerend. Nach wie vor unter Wasser stehen die Industrieregionen nördlich der Hauptstadt, insbesondere die Provinzen Pathum Thani und Ayutthaya.

(RP)
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